Banner
zurück zur Übersicht

Prof. Horst Korge†: Insektensammeln - Artenschutzverordnung - unvereinbar?

Der Artenreichtum der Insektenwelt ist fast unüberschaubar. Nie wird es ein menschliches Gehirn geben, das Merkmale, Lebensweise und Umweltansprüche aller Insektenarten speichern könnte. Diese Aufgabe entspräche dem Versuch, alle Einwohner Berlins persönlich zuerkennen und die wichtigsten Daten ihrer Biographie zu wissen .

So sind Entomologen immer Spezialisten für einen Ausschnitt der Insektenwelt, und ohne ihre Sammlung als wichtigem Arbeitsmittel wären sie ziemlich hilflos. Erst die Beschäftigung mit einer Teilgruppe erschließt dem Entomologen wirklich die hohe ökologische und morphologische Differenziertheit der Insekten. Die Arbeits- und Belegsammlung des Entomologen hat nichts mit dem Wandschmuck eines Insektenkastens mit schönen Schmetterlingen zu tun, den man in jedem bürgerlichen Haushalt findet. (Wer es nicht glaubt: Überprüfen Sie dies an Serien, Krimis und ähnlichen Produktionen des Fernsehens! Ein Schmetterlingskasten hängt fast immer an der Wand.)

Hier ein Beispiel aus meiner Sammlung: die LAUFKÄFERGATTUNG HARPALUS Nur eine von bestimmt über 1000 Laufkäfergattungen; und die Laufkäfer sind dabei nur eine von weit über 100 Käferfamilien ; und die Käfer sind ja wieder nur eine von 35 Insektenordnungen.

WARUM SAMMELT MAN SO ETWAS ? Ist es irgendwie wichtig, dass man möglichst viele irgendwo einmal entdeckte Arten "hat" ? Sind die "Sammler", die alles "haben wollen" nicht Hauptverursacher für die Ausrottung zahlloser Arten ?

Naturschutzgesetze und Artenschutzverordnungen, ausgearbeitet und verabschiedet meist von Laien, drücken sich weitgehend um wirksame Schutzvorschriften und reglementieren als Alibimaßnahmen stattdessen die Insekten-"sammler". Was bei Wirbeltieren richtig ist, fahrlässigen oder vorsätzlichen Fang oder Abschuss zu verbieten, ist bei den großen Populationen wirbelloser Tiere abwegig. Ohne Entnahme von Einzeltieren bleiben sie fast immer unbestimmbar, ohne kleine Stichproben erfahren wir nicht einmal etwas über Gefährdung oder Verschwinden einheimischer Arten.

Wäre dies denn schlimm, wenn etwa die Hälfte der Harpalus-Arten aussterben ? Für den Laien sieht doch eine Art fast wie die andere aus, und besonders prächtig sind sie alle nicht ! Erst der Entomologe erkennt, dass doch jede Art ihre besondere "ökologische Nische" besetzt, an jeweils andere Standortbedingungen gebunden ist, in ihrer Funktion im Ökosystem kaum durch andere ersetzbar ist. Artenschutz darf daher nicht auf einzelne "schöne" Tierarten oder auf bekannte Wirbeltiere verengt werden. Ökosysteme brauchen zum Funktionieren die ganze Breite ihres Arteninventars. Artenschutz bedeutet "Naturschutzmanagement", und ohne Detailkenntnis geht das nicht. Was nützen strenge Artenschutzbestimmungen, wenn man zwar "schützt", aber nicht weiß, was man schützt, wo man Maßnahmen treffen muss und wie man das machen sollte ? Nur manchen Politikern wäre dies recht. Man könnte immer ( folgenlos) konsequenten Artenschutz fordern, "nur nicht ausgerechnet hier und durch uns".

Die Kriminalisierung insbesondere der Amateurentomologen durch Naturschutzgesetze muss ein Ende haben ! Zweihundert ernsthafte Entomologen mehr für Berlin wären ein Gewinn für den Artenschutz, nicht eine Gefahr.

Welcher Entomologe versteht nicht die Faszination , die von den Prachtgestalten der Insektenweit ausgeht ! Aber auch Ihr vielleicht zusammengekaufter Schaukasten sollte Auslöser für weitergehendes Interesse an der Insektenwelt sein ! Sonst ist er entbehrlich . Der Entomologische Verein ORION ist Anlaufstelle auch für den Anfänger.

Nach der Schelte für den Gesetzgeber nun noch ein LOB FÜR DIE BERLINER NATURSCHUTZBEHÖRDEN. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten aus, um durch Ausnahmegenehmigungen eine Kriminalisierung entomologischer Arbeit zu vermelden. Die Berliner "Sammler" vermeiden Missbräuche ; ihre Beobachtungen und Ergebnisse sollen einem effektiven Biotop- und Artenschutz dienen. Deshalb gibt es in Berlin nicht die in manchen Bundesländern übliche Konfrontation zwischen Naturschutzbehörden und Amateurentomologen.

Prof.  Horst Korge †