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Protokoll der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 10.05.2005

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend: 10 Mitglieder FG, 14 Mitglieder ORION, 4 Gäste

Thema: Entomologische Ergebnisse der Untersuchungen in Lebus/Oder 1995-1997.


Zum Thema des Abends berichtete Prof. Barndt über Ergebnisse seiner entomologischen Untersuchungen im Gebiet Lebus/Oder, die er von 1995-1997 durchführte. Diese sind in den "Märkischen Entomologischen Nachrichten" Bd.7, H.1 (2005) publiziert, nachdem es bisher nur Einzelarbeiten, keine zusammenfassende Veröffentlichung gab.

Einleitend berichtete Prof. Barndt über die Anfänge der Sammlungen und gab eine ausführliche Gebietsbeschreibung. 1952 sammelte er auf Initiative des damaligen Biologielehrers erstmals in Lebus und von dieser Zeit an jedes Jahr, u.a. mit Studenten. Seit damals hat sich in der Landschaft sehr viel verändert, was auf vergleichenden Fotos von identischen Standorten dokumentiert wurde. Es folgten einige Anmerkungen zur Geschichte von Lebus und Umgebung, so war die Stadt im 16. Jh. als Bischofssitz bedeutend, verlor diese Bedeutung jedoch später. Ende 19. Jh. wurden die Frankfurter Botaniker auf das Gebiet aufmerksam und 1921 wurden die "Pontischen Hänge bei Lebus a.d.O" als Steppenrasenschutzgebiet beschlossen, das aber im Laufe der Zeit zuwuchs und heute Wald ist. 1967 wurde durch die DDR südlich des alten ein neues NSG ausgewiesen. Der Vortragende erläuterte die Biotope damals und heute und informierte über Schutzprobleme und die Notwendigkeit von Pflegemaßnahmen in erster Linie gegen das erneute Zuwachsen.

20 Standorte in sehr unterschiedlichen Biotopen wurden mittels Fallen untersucht. Dank für die Mitarbeit an dem umfangreichen Projekt wurde u.a. Prof. Horst Korge (Kurzflügelkäfer), Dr. Ralph Platen (Spinnen), Dr. Ursula Göllner und Dr. Jürgen Deckert (Wanzen) ausgesprochen. Im Lebuser Gebiet wurden insgesamt etwa 2.000 Arthropodenarten nachgewiesen, die Untersuchung durch den Vortragenden erbrachte 1.198 Arten in etwa 45.000 Exemplaren. Die artenreichsten Insektengruppen sind Käfer (668 Arten) darunter 198 Arten Laufkäfer und 208 Arten Kurzflügelkäfer, Wanzen (107 Arten), Hautflügler (106 Arten). Weiterhin wurden 272 Webspinnenarten festgestellt.

Nachfolgend zeigte der Vortragende auf Bildern die verschiedenen Biotope im Lauf der Jahreszeiten und präsentierte ausgewählte, meist besonders erwähnenswerte Arten in Wort und Bild. So ist im Winter der als Schneefloh bekannte Winterhaft Boreus hymenalis zu finden und im Frühling blühen massenhaft Adonisröschen, das Wahrzeichen der Landschaft, die von Zottelkäfern (Tropinota hirta) und Ritterwanzen (Lygaeus equerstris) besucht werden. Die Italienische Schönschrecke (Calliptamus italicus) und Atypus muralis, eine Spinne mit sehr interessanter Lebensweise, die ausführlich erläutert wurde, sind ebenfalls besondere Arten. Die Spinne legt Fangschläuche auf dem Boden an in deren Innerem sie sich bewegt.

Mittels Ökogrammen, Dominanz-Tabellen und Statistiken bewertete Prof. Barndt die 20 Untersuchungsflächen. Hierzu wurden Laufkäfer, Kurzflügelkäfer und Spinnen herangezogen. Es zeigte sich, dass Stipa-Steppenrasen und Adonis-Steppenrasen die wertvollsten Flächen sind. Sie weisen die höchste Zahl Rote-Liste-Arten auf bei vergleichsweise niedriger Gesamtartenzahl. Hochleistungsäcker sind die am wenigsten wertvollen Flächen. Aber auch weitere Ackerflächen, die weniger wertvoll eingestuft wurden, weisen unterhalb der Hänge einige bemerkenswerte Arten auf. So gibt es hier Bombardierkäfer (Brachinus explodens) über deren "Chemielabor" der Vortragende berichtete: Die "Bomben" sind bis zu 100°C heiß und bestehen aus einem Gemisch aus Hydrochinon, Chinon und Wasserstoffperoxid. Sie werden bei Gefahr mit hohem Druck aus der Explosionskammer im Hinterleib der Käfer gepresst. Man kann das zischende Geräusch hören. Ackerraine sind für die Vielfalt der Fauna sehr bedeutsam.

Auf den Hängen kommen Zauneidechsen, Weinbergschnecken und alle drei bei uns heimischen Leuchtkäferarten vor. Die Unterschiede zwischen den Arten, deren Biologie und die Grundlagen der Biolumineszenz wurden besprochen. Steilhänge am Görschberg mit offenen Sandstellen und Silbergrasbewuchs stellen gute Hautflügler-Biotope dar. Hier findet man Schmalbienen (Lasioglossum pauxillum) und Sandbienen (z.B. die bemerkenswerte Andrena vaga), aber auch verschiedene Ölkä­ferarten. Neben mehreren Meloe-Arten kommt die Spanische Fliege (Lytta vesicatoria) vor. Am Görschberg mit seinen bemerkenswerten Pflanzenarten kommen viele rare Insektenarten vor, darunter seltene Schmetterlinge, Wegwespen und Ameisenjungfern mit ihren Larven, den bekannten Ameisenlöwen. Vieles wurde im Bild gezeigt.

Zusammenfassend stellte Prof. Barndt fest, dass es sich bei den Pontischen Hängen Lebus um ein außerordentlich wertvolles Gebiet handelt, das nur mit Pflegemaßnahmen, in erster Linie Beweidung, Mahd und Entbuschung im jetzigen Zustand erhalten werden kann. Seit 2000 sind zwei Areale als FFH-Gebiete gemeldet. Das bedeutet, dass im 6-Jahres-Rhythmus Berichte über die Veränderung der Gebiete an die EU abgegeben werden müssen. Es bleibt zu hoffen, dass dafür genügend qualifiziertes Personal sowie finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Die Landeslehrstätte Lebus des NABU verfügt nicht über geschulte Biologen...

Im Anschluss an den Vortrag wurden Fragen beantwortet: Jörg Heimann fragte nach dem Vorkommen von Sandlaufkäfern. Es kommen häufig Cicindela hybrida und seltener Cicindela campestris vor. Dr. Wolfram Mey wollte wissen, ob es Artenzahlen bzw. Artenlisten über Köcherfliegen gibt? Antwort: Ja, es gibt eine Artenliste von REUSCH (mit 57 Arten), diese Ordnung, wie auch die Schmetterlinge, wurden aber bei den Untersuchungen vom Vortragenden nicht berücksichtigt.

 

Abschließend gab es noch zwei Hinweise zum GEO-Tag der Artenvielfalt am 10./11.06. in Berlin (Woelky/Esser) und zum "Verzeichnis Deutschsprachiger Entomologen", Neuauflage 2006 geplant (Heinig).


Die Sitzung endete gegen 21.00 Uhr, der gesellige Teil folgte wie immer im Lokal "Derya".

Jörg Heimann

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