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Protokoll der gemeinsamen Versammlung von ORION und FG Entomologie Berlin im Naturkundemuseum vom 10.01.2006

Vorsitz: Thomas Ziska

Anwesend: 9 Mitglieder FG, 11 ORION, 12 Gäste

Thema: Untersuchungen zum Vorkommen von Mantis religiosa, der Gottesanbeterin, in Berlin

Referentin: Dörthe Thiel, Potsdam


Zu Beginn Verlesung des Protokolls durch Uwe Heinig

Frau Thiel referierte per Beamer ihre Studien zu ihrer Promotionsarbeit und die Ergebnisse eines Projektes der Gruppe Stadtökologie an der Humboldt-Universität.

Mantis in Berlin wurden 1998 erstmalig von Manfred Berg festgestellt, und zwar auf der Brache des ehemaligen Rangierbahnhofs am Priesterweg, im NSG Schöneberger Südgelände und einem weiteren NSG.

Ob es sich bei diesen Populationen um kurzlebige, ephemere, oder um etablierte, gesicherte Vorkommen handelt, diese Frage stellte die Referentin zu Anfang ihres Referates, wobei sie – aufgrund ihrer Forschungen – von einer gesicherten Population in Berlin ausgeht – vorausgesetzt, die Biotope und somit die Habitate der Mantis bleiben erhalten.

In jedem Fall handelt es sich bei den Mantis im Berliner Stadtgebiet um eine invasive Population, egal, ob die Tiere durch Bahntransporte eingeschleppt oder durch experimentierfreudige Naturfreunde ausgesetzt wurden.

In diesem Zusammenhang erheben sich sofort einige Fragen, die während des Vortrages von der Referentin und nach dem Vortrag aus dem Auditorium in den Raum gestellt wurden:

Die bisherige Verbreitung von Mantis religiosa vom Mittelmeerraum aus nach Deutschland ist kontinuierlich geschehen, durch den Rheingraben bis in die Main-Niederungen. Zwischen diesen Regionen und Berlin gibt es keine Mantis.

Anhand von vielen Diagrammen in Form von Säulen und Kurven erklärte die Referentin die Stadtklimate mehrerer südeuropäischer Städte (Budapest, Bukarest, Istanbul) und auch Wien und verglich diese mit dem Berliner Klima. Wobei das Berliner Klima sich durch Niederschläge wie auch durch Temperatur stark von den anderen Städten unterschied.

Trotzdem, so zeigten die Forschungen von Frau Thiel, haben sich die Populationen prächtig entwickelt. Der stadtklimatische Effekt ist weit überschätzt worden.

Die Fangstatistiken zeigen, dass von Jahr zu Jahr immer mehr Individuen gezählt wurden, 133 in 2003 und 756 im Jahre 2004.

Was die Entwicklung vom Ei zum Individuum betrifft, so erwähnte die Referentin 2 bis 4 Nymphalstadien.

Frau Thiel suchte die einzelnen Tiere im Freiland, markierte sie mit Zahlen, maß Größe und Dicke und suchte sie tags darauf wieder auf. Dabei stellte sie fest, dass die Tiere sich nicht von ihrem Ort weg bewegt hatten. Einmal an einen Fangort gewöhnt, spezialisierten sich die Individuen auf die Beutetiere ihres Standortes – eine Lernfähigkeit, die sich die Spezies Mantis in ihrer südlichen, mediterranen Heimat erworben hat, je nach Wechsel des Nahrungsangebotes.

Frau Thiel stellte ferner fest, dass die Berliner Mantis sich nur zum Zwecke der Eiablage von ihrem Jagdstandort entfernt.

Auf der Bahnbrache fand sie Ootheken im Schotter zwischen den Schienen, ja selbst an den eisernen Schienen angeheftet – natürlich auch an Pflanzenstengeln, aber auch auf platt liegendem ausgedörrten Gras.

Diese hohe Adaptivität des Verhaltens, wie auch die Untersuchungen im ganzen, erbrachten eine große ökologische Toleranz für die Mantis in Berlin.

Bei der sich anschließenden Diskussion ging es immer wieder um die Frage, auf welchem Wege die Gottesanbeterin nach Berlin gekommen ist.

Herr Krüger bekräftigte die Vermutung der Verschleppung durch die Bahn. Eine Aussetzung durch Herrn Berg schloss er aus.

Herr Gienskey verwies in diesem Zusammenhang auf eine südfranzösische Spinnenart, die ebenfalls als Inselvorkommen auf dem ehemaligen Bahngelände lebt.

Herr Gottwald sprach die Gefahr der möglichen Ausrottung endemischer Insektenarten an. Die Referentin bestätigte diese Möglichkeit in der Theorie immer.

Herr Ziskas Frage ging dahin, ob der Mantishabitat in Berlin einzig dastehe. Antwort: Ja – zwischen Rhein/Main und Berlin gäbe es keine Population.

Herr Esser verwies auf einen asiatischen Marienkäfer, der bisher keine Dezimierung anderer Arten verursacht habe.

Herr Michael Woelky fragte nach Recherchen betr. eine mögliche Aussetzung der Mantis. Antwort: Es gibt keine Kenntnisse darüber.

Herr Dr. Hartung wies auf Presseberichte und Foto-Darstellungen kleinster Insekten hin, die im Bild den Eindruck eines Monsters erwecken. Der Erfolg beim unkundigen Leser sei eine maßlose Steigerung der Vorstellung von einem an sich unscheinbaren Tierchen. Das beschriebene Tier aber, sei es ein Insekt oder ein anderes, haben unkundige Betrachter der Monsterbilder in der Wirklichkeit nie gesehen und bleiben so der Natur entfremdet.

Nach der Diskussion war es 20.30 Uhr geworden, und der Vorsitzende bedankte sich bei der Referentin und wies auf die weitere entomologische Unterhaltung im Restaurant „Kombinat" hin.

Jörg Heimann