zurück zum Programm-Archiv
Banner

Protokoll der gemeinsamen Versammlung von ORION und FG Entomologie Berlin im Naturkundemuseum vom 14.02.2006

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend: 13 Mitglieder FG, 10 Mitglieder ORION, 1 Gast

Thema: Marine Biodiversitätsforschung: Tiefseeexpedition/Expedition in den Mikrokosmos.


- Begrüßung der Anwesenden, besonders des Vortragenden, Dr. Birger Neuhaus vom Naturkundemuseum durch Michael Woelky.

- Verlesung des Protokolls vom 10.01.2006 durch Jörg Heimann.

In seinem durch Beamer-Präsentation bestens illustrierten Vortrag berichtete Dr. Birger Neuhaus über seine Arbeit mit kleinsten Tierchen des Meeresbodens, den Kinorhynchen, so genannter Weichboden-Meio-Fauna. Von ihnen sind bisher ca. 150 Arten bekannt. Dabei handelt es sich zwar nicht um Insekten, die Winzigkeit der Forschungsobjekte bringt die Organismen unserem Tätigkeitsfeld aber sehr nahe.

Der Vortragende hatte die Möglichkeit an vier Expeditionen auf den Forschungsschiffen "Meteor" und "Sonne" teilzunehmen, die in das Angolabecken westlich von Afrika, die Galapagos-Region und die Neuseeland-Region führten. Die Proben vom Meeresgrund wurden auf verschiedene Weise genommen, zum Einsatz kamen ein mit 16 Rohren versehenes Gerät, das in den Meeresgrund gedrückt wird und so 16 "Bohrkerne" gleichzeitig liefert, ebenso verschiedene Greifer. Außerdem wurden Steine abgesammelt. Die Extraktion der Tiere aus dem Sediment der Proben erfolgte mittels einer "bubble & blot" genannten Methode, die Dr. Neuhaus erläuterte und durch Zentrifugation. Die jeweiligen Geräte befinden sich an Bord der modern ausgestatteten Forschungsschiffe.

Mittels Fotos erläuterte der Vortragende die Morphologie der Kinorhyncha, deren Körper und Nervensystem segmentiert ist. Mittels Borstenkränzen bewegen sich die Tiere fort und ernähren sich u.a. von Bakterien und Diatomeen. Ausführlich erklärt wurde die Nahrungsaufnahme.

Auf Übersichten präsentierte Dr. Neuhaus verschiedene inzwischen ausgewertete Daten: So konnten je nach Fundort auf 10 cm² Meeresboden 0,4-72 Individuen festgestellt werden, deren Verteilung auf die Tiefenschichten bis 6000 m ebenfalls dargestellt wurde. Auf Karten wurde die untersuchte Galapagos-Region und deren Meeresbodenprofile gezeigt, das so genannte "Galapagos-Spreizungszentrum" mit unterseeischen Vulkanen. Die Themen der Kinorhyncha-Forschung, Aufgabenstellung und Ergebnisse wurden vorgestellt. Während der zwei Expeditionen in diese Region konnten 150 Individuen erfasst werden, die 19 Arten zuzuordnen sind. 10 Arten kamen ausschließlich in der Tiefsee vor, sechs Arten auf dem Kontinentalschelf und drei Arten in beiden Bereichen. Alle Arten sind Vertreter bekannter Gattungen, es konnte keine spezialisierte Tiefseefauna festgestellt werden und die submarinen Rücken stellen keine Ausbreitungsbarrieren dar. Vor dieser Expedition lagen nur Kenntnisse aus geringen Tiefen vor. Diese können nun mit den Ergebnissen der Tiefseeforschung verglichen werden.

Während der Neuseeland-Expedition wurden 100 Individuen in 30 Arten nachgewiesen zuzüglich 60 Individuen aus dem Euliteral. Mehrere Arten kamen sowohl auf dem Kontinentalschelf in geringer Tiefe als auch in der Tiefsee vor. Die Erkenntnisse aus den Galapagos-Expeditionen wurden bestätigt.

Auch die Expedition in das Angola-Becken hatte zum Ziel die Kenntnisse über Biodiversität, Biogeographie und Abundanz zu mehren. Wie viele Arten leben in der Tiefsee? Hier wurden 710 Individuen erfasst, die sechs Arten zugeordnet wurden. Auf weiterführenden Grafiken wurden diese den jeweiligen Untersuchungsstationen zugeordnet.

Schlussfolgernd fasste Dr. Neuhaus die Ergebnisse kurz zusammen und zog u.a. das Fazit, dass die Ergebnisse der vier Expeditionen die Angaben in der Fachliteratur bestätigen.

Nächste Pläne liegen für Expeditionen in das Manihiki-Gebiet nördlich Neuseeland im Jahr 2007 vor, sowie 2009 zu den Weihnachtsinseln und später eine weitere Expedition in die Galapagos-Region. Die Expeditionen müssen jeweils langfristig vorbereitet werden, Hauptaugenmerk soll dabei den so genannten "Seamounts" gelten.

Der zweite Teil der Ausführungen von Dr. Birger Neuhaus befasste sich mit dem Carl-Zeiss-Mikroskopierzentrum im Naturkundemuseum. Dieses Projekt, dessen Geschichte kurz vorgestellt wurde, soll die Forschungsarbeit des Museums in die Öffentlichkeit tragen. Vorläufer der aktuellen Aktion "Ich sehe was, was Du nicht siehst" die seit 2003 läuft, waren z.B. "Wunderwelt im Wassertropfen" und "Wat is'n Wattwurm?". Zurzeit gibt es 28 Mikroskope und das Projekt wird durch 10 Mitarbeiter des Museums sowie 1900 Schüler begleitet. Vier biologische Themen und sieben geowissenschftliche Themen werden angeboten, dazu drei AG, "Wasserwelten", "Krabbeltiere" und "Steinerne Bibliothek". Die Schüler bestimmen und zeichnen dabei die Objekte, die durch das Mikroskop betrachtet werden.

Die Aktivitäten des Carl-Zeiss-Mikroskopierzentrums werden regelmäßig in der Öffentlichkeit vorgestellt, so z.B. bei der Langen Nacht der Museen, auf Kindertags-Veranstaltungen und dem Tag der Artenvielfalt 2005. Abgehalten werden außerdem Lehrerworkshops.

Fragen:

- Oliver Schmitz fragte, nach den Kriterien der Bestimmbarkeit der Kinorhyncha, benötigt man ein Licht- oder Elektronenmikroskop? Außerdem wollte er wissen, ob man die Öffentlichkeitsarbeit des Carl-Zeiss-Mikroskopierzentrums weiter propagieren könne. Antwort: Die Möglichkeit der Bestimmung der Kinorhyncha ist dürftig, es gibt kaum Typus-Material und kaum Fotos. Ein primäres Merkmal ist die Bestachelung der Borstenkränze, dann die Kutikula-Platten. Eine 300-400fache, seltener bis 1000fache Vergrößerung ist notwendig. Die Objekte werden auf einem Objektträger in einem Glycerintropfen bewegt. Zur Öffentlichkeitsarbeit: Die Veranstaltungen sind fast immer ausgebucht und werden überwiegend mit Partnerlehrern durchgeführt. Eine Anmeldung ist schwierig, Werbung eingeschränkt möglich.

- Wilfried Funk fragte, wie es zu erklären ist, dass Tiere der gleichen Art sowohl in 30 m, wie auch in 5000 m Tiefe vorkommen und wie sie sich an die unterschiedlichen Bedingungen anpassen. Antwort: Exakte Aussagen sind nicht möglich, nur dass der Sauerstoffgehalt kein limitierender Faktor ist. Wie es mit dem Druck aussieht ist unerforscht.

- Jürgen Gienskey fragte nach Fressfeinden. Antwort: Im Flachwasser werden Kitorhynchen z.B. von Fischen, größeren Würmern und Muscheln gefressen.

- Jürgen Kurdas wollte wissen, ob an den unterschiedlichen Expeditionszielen die selben Arten nachgewiesen wurden. Antwort: Nein, es waren in jeder der drei Regionen unterschiedliche Arten.

- Stephan Gottwald fragte nach der Vermehrung. Antwort: Es gibt Männchen und Weibchen, die Technik ist allerdings unbekannt. Z.T. wurden Spermatophoren ähnliche Gebilde beobachtet. Dr. Neuhaus stellte verschiedene Theorien vor, die jedoch bisher nicht belegt sind.

- Joachim Schulze fragte nach der Bisexualität der Kinorhyncha. Antwort: Ja, die Tiere sind bisexuell.

Die Fülle der Fragen zeigte, dass dieser Vortrag, obwohl nicht über Insekten, doch auf ein sehr großes Interesse stieß, vielleicht ein Hinweis, dass solche Themen auch künftig ins Programm aufgenommen werden können.

Die Sitzung endete gegen 20.30 Uhr, der gesellige Teil folgte wie immer im Lokal "Kombinat".

Uwe Heinig (Schriftführer FG)Jörg Heimann