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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 11.04.2006

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend: 9 Mitglieder FG, 13 Mitglieder ORION, 5 Gäste

Thema: Neue Erkenntnisse zur Stammesgeschichte der Arthropoda.


- Begrüßung der Anwesenden, besonders des Vortragenden, Dr. Jason Dunlop vom Naturkundemuseum durch Michael Woelky.

- Verlesung des Protokolls vom 14.03.2006 durch Uwe Heinig (geschrieben von Jörg Heimann).

Der Vortragende, Spinnenkustos im Naturkundemuseum, arbeitet seit acht Jahren im Haus. Er kommt aus England und beschäftigt sich bevorzugt mit der Paläontologie der Spinnen. Einleitend erläuterte er, was man unter Arthropoda versteht, wo sie im System der Natur zu finden sind und welche Fossilien bisher bekannt sind. Hauptsächlich drei Thesen werden heute von Wissenschaftlern vertreten, so reden Paläontologen von Schizoramia, Molekularbiologen von Paradoxopoda oder Myriochelata, außerdem gibt es den Begriff Mandibulata unter dem Krebstiere, Tausendfüßer und Insekten zusammengefasst werden, die letzten beiden Deutungen ignorieren jedoch die Fossilien. Dr. Dunlop erklärte die Gründe, die zu der jeweiligen Zuordnung führen, alle sind aber nicht überzeugend, da keine Monophylie besteht. Eine weitere Einordnung zu den so genannten Tetraconata bedeutet, dass Insekten zu den Krebstieren zu zählen wären, Sorgen bereiten aber immer die Fossilien früher Tiergruppen, die sich im Verlauf der Evolution zu Insekten hätten entwickeln können. Sie passen in kein System.

Nachfolgend stellte der Vortragende verschiedene Stammbäume der Krebstiere vor, die mögliche Entwicklungen zeigten. Dabei ging es um die Frage, was als Vorfahren der heutigen Krebstiere, Tausendfüßer und Insekten anzusehen ist, die Zwischenstufen zurück bis ins Kambrium sind nur bei den Krebstieren durch Fossilien belegt, bei den Tausendfüßern und Insekten jedoch nicht bzw. nicht vollständig. Ebenso stellt sich die Frage, ob der Ursprung der Spinnentiere im Stammbaum heute noch aktuell und richtig dargestellt wird. Die Forschung akzeptiert z.B. Trilobiten als frühe Spinnentiere, das Problem dabei ist, dass diese Trilobiten Gemeinsamkeiten mit Pfeilschwanzkrebsen aufweisen, Merkmale, die Spinnentieren wie z.B. Skorpionen fehlen. Manche Aussagen und Beweise der Wissenschaftler sind wenig überzeugend und es muss noch viel Forschung geleistet werden.

In der Präsentation möglicher Vorfahren der Spinnentiere stellte Dr. Dunlop Tiergruppen vor, die im Laufe der Entwicklung ihre Fühler verloren, dafür Cheliceren ausbildeten, gentechnische und morphologische Untersuchungen belegen, dass die Cheliceren von der Steuerung her Fühlern gleichzusetzen sind. Leider werden neue Erkenntnisse zu paläontologischen Themen, z.B. neue Vorschläge was als Schwestergruppe der merkwürdigen Asselspinnen anzusehen ist, oft in kaum bekannten Zeitschriften veröffentlicht und sind somit nicht allen Paläontologen zugänglich.

Sind Fossilien mit großen Beinen als Urspinnentiere anzusehen? Dieser Frage widmete sich der Vortragende mit den folgenden Folien. Es fehlten dieser Stammgruppe aber Verbindungsglieder zu den heutigen Spinnentieren. Eine solche mögliche Verbindung wurde nun in England gefunden, die Gattung Offacolus. Zusammenfassend zeigte Dr. Dunlop noch einige hypothetische Stammbäume, die über das Vorhandensein von Klauen, Fühlern, Mandibeln, Augen oder Cheliceren verschiedene mögliche Entwicklungslinien der heutigen Spinnentiere aufzeigten.

Noch schwieriger gestaltet sich die Forschung bei den Insekten, von denen bisher keine Stammvertreter gefunden bzw. erkannt wurden.

Nach diesem temporeich und voller Begeisterung für sein Forschungsgebiet gehaltenen Vortrag waren durch Dr. Dunlop noch einige Fragen zu beantworten: Wie viele Funde den Aussagen zugrunde liegen, wollte Karl-Hinrich Kielhorn wissen. Antwort: Es sind teils ca. 20 auswertbare Fossilien, dann können schon Schlüsse gezogen werden. Manchmal liegt aber auch nur ein Fossil vor, dann ist eine Aussage schwierig. Je mehr Fossilienfunde, desto besser die Kenntnis.

Jürgen Kurdas fragte nach dem Stand der Kenntnisse über Vorfahren der Stammarthropoda: Antwort: Besonders in neuerer Zeit entdeckte chinesische Fossilien sind hier aussagekräftig, allgemein sind die Kenntnisse aber recht gering.

Michael Woelky wollte wissen ob es im Naturkundemuseum noch viele zu bearbeitende Fossilien gibt. Antwort: Wenige, anderswo gibt es sehr wohl noch unbearbeitetes Material, das die Erkenntnisse verbessern könnte.

Wilfried Funk fragte nach der Bedeutung von Bernsteininklusen. Antwort: Für die Thematik die heute vorgetragen wurde, haben sie keine Bedeutung, denn ihre Entstehung ist sehr viel jüngeren Datums.

Die Sitzung endete gegen 20.15 Uhr, der gesellige Teil folgte wie immer in einer Gastronomie unweit des Museums, das Stamm-Lokal "Kombinat" hat noch geschlossen.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)