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P r o t o k o l l der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum am 9. Mai 2006

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend: 8 Mitglieder der FG, 7 des ORION, 2 Gäste

Thema: Landschaften und Schmetterlinge am Tegeler Fließ vor 20 Jahren

Referent: Manfred Gerstberger


Eröffnung der Sitzung durch Thomas Ziska

Verlesung des Protokolls durch Uwe Heinig

Manfred Gerstberger bezog sich in seinem Vortrag auf die 1980er Jahre und zwar hauptsächlich aus damaliger Westberliner Sicht. Der nördlich von Lübars gelegene Teil war ja für Westberliner nicht zugänglich. Hier forschte Ernst Haeger.

Außer dem Referenten explorierten unter anderen die Herren Sukopp, Korge, Stiesy, Wethlo und Cleve – letztere sahen wir in Aktion auf einem Dia.

Mehrere Publikationen der Ergebnisse erschienen in entomologischen Zeitschriften oder auch z.B. 1997 in den „Berliner Naturschutzblättern", 41. Jahrg. Heft 1.

Ebenfalls eingeflossen sind die im Fließ festgestellten Schmetterlinge in den beiden Bänden „Schmetterlinge in Berlin West" von Gerstberger und Stiesy Teil I 1983, Teil II 1987.

Auf Dias erschienen uns zuerst Landschaftsformen des Fließes: vorwiegend weitflächige in voller Blüte stehende Wiesen, gesäumt von Erlenbruchwald, Riedgebieten und dem Großen Torfstich.

Der ehemalige Hermsdorfer See, schon seit langem verlandet.

Die durch die Landschaft sich schlängelnde Fußgängerbrücke nach Lübars. Die Wiesen hier gemäht – aus wasserwirtschaftlichen Gründen auch am Fließ.

Die Puppen der Tagfalter, die als Sturzpuppen in Knie- bis Brusthöhe dort hingen, sind hin, ebenfalls die an und im Stängel lebenden Raupen.

Deshalb der Appell des Referenten, nicht überall und stets am selben Orte zu mähen, sondern ökologische Inseln, Ränder, Säume stehen zu lassen.

Herr Gerstberger ging nun zu den ortstypischen Nachtfaltern über, die beim Lichtfang erbeutet wurden.

Wobei zu bemerken ist, dass das Fließ ein Kälteloch darstellt, mit Temperaturunterschieden von bis zu 9°C zwischen Tiefen- und Höhenlagen, und: Es kommen nur die in unmittelbarer Nähe des Leuchtturms fliegenden Insekten ans Licht.

Acleris effractana z.B. wurde in Brbg. nur am Tegeler Fließ gefunden, ebenfalls die Schwesternart –emargana – beide Arten in Gerstbergers Sammlung – einziger Beleg für Brbg.!

Leucoptera lotella, an Kronwicke und Hornklee, leider nur mit einem einzigen Beleg.

Hypenodis humidalis, ein Eulenfalter, damals in Anzahl gefunden.

Diachrysia tutti, die Goldeule, nebst der Schwesternart –chrysitis. Beide wurden lange für eine Spezies gehalten, bis durch Pheromone festgestellt wurde, dass sie nicht auf den gleichen Lockstoff reagieren.

Weitere Funde der 80er Jahre: Chilodes maritima, Rhizedra lutosa, Archanara geminipunctata, Pelosia obtusa – alle an Schilf.

Coenobia rufa – nicht am Hermsdorfer See. Ernst Haeger hat sie derzeit festgestellt – abends, im Lichte einer Taschenlampe, denn sie fliegt nur in der Dämmerung.

Herr Gerstberger schloss seinen Vortrag mit dem Ergebnis:

Landschaftlich hat sich im Fließ nichts verändert. Aber: Die damals blühenden Wiesen sind heute ganzflächig gemäht – keine Chance für Eier, Raupen und Puppen.

Es muss sich seitens des Naturschutzes dahingehend etwas ändern, dass nicht ganzflächig gemäht wird, sondern hier eine ökologische Insel, dort ein Saum, da ein Uferstreifen der natürlichen Entwicklung erhalten bleibt. Nur so hätten jetzt dort lebende Arten eine Chance.

Herr Ziska dankte dem Referenten und gab das Thema zu Wortmeldungen frei.

Frau Wagner, als Vertreterin der obersten Naturschutzbehörde beim Senat von Berlin, die auch die Bewirtschaftung der Reinickendorfer Landschaftsschutzgebiete betreut, war heute anwesend. Sie erklärte, dass Fließtal habe in den vergangenen 30 Jahren sein Landschaftsbild zwar nicht verändert, dieses sei aber der behördlichen Pflege zu verdanken. Es habe im Bewuchs ein ständiges Auf und Ab gegeben: Weiden wurden herausgenommen, um ungünstige Beschattung zu vermeiden.

Leider hätte auch Schilf gemäht werden müssen, trotz z.B. der Vogelschutzmaßnahmen – aus wasserwirtschaftlichen Gründen.

Das Bezirksamt mähte nur mit Traktoren und großflächig. Vom Naturschutz aus würde zeitlich versetzt und kleinflächig gemäht.

Herr Gerstberger bemerkte dazu, dass derzeit aber alles kahl gemäht sei.

Herr Darmer, Vertreter einer Consult GmbH mit Namen Umweltvorhaben in Brandenburg, meldete sich zu Wort und stimmte Herrn Gerstberger zu: Sowohl in der Entwicklungspflege als auch in der Erhaltungspflege müsse unbedingt wechselseitig und zeitlich versetzt gemäht werden.

Bisher laufe es aus arbeitstechnischen Gründen so, dass die „unbequemen" Flächen stehen gelassen und die „einfachen" gemäht würden.

Michael Woelky sprach die Tagfalter an, die ja im Tegelet Fließ auch gefährdet seien, u.a. der Bläuling Lycaena helle.

Herr Funk fragte, seit wann überhaupt der Hermsdorfer See trocken sei.

Antwort von Frau Wagner: Ungefähr seit den 1920er und 30er Jahren.

Ende der Versammlung gegen 20.45 Uhr, danach weitere entomologische Unterhaltung im Gasthaus.

Jörg Heimann