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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 14.11.2006

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend: 13 Mitglieder FG, 14 Mitglieder ORION, 6 Gäste

Thema: Binnensalzstellen in Brandenburg und deren Coleopteren-Fauna.


- Begrüßung der Anwesenden, besonders des Vortragenden, Prof. Dieter Barndt, durch Michael Woelky. Weiterhin Vorstellung des Buches von Möller/Grube/Wachmann: "Der Fauna Käferführer Teil I", eines neuen Heftes der "EZ" und einer herbarisierten Ambrosia-Pflanze. Letztere ging in diesem Sommer als Allergie-Auslöser durch die Medien.

- Verlesung des Protokolls vom 10.10.2006 durch Jörg Heimann.

In einem sehr interessanten Vortrag berichtete Prof. Barndt über mehrere Binnensalzstellen in Brandenburg und die dort lebenden Insekten und Spinnen. Erste Untersuchungen fanden, inspiriert durch frühere Veröffentlichungen von Neresheimer/Wagner 1997 auf den Luchwiesen bei Storkow statt, sie wurden in den Folgejahren fortgesetzt bis die Fallenreihen leider zunehmend zerstört wurden. Ab 2004 wurde die Bearbeitung in Zusammenarbeit mit Naturparkverwaltung, Naturwacht und Naturschutzverbänden wieder aufgenommen. Über die Ergebnisse informierte der Vortrag, der mit einer Erläuterung zu den Fallenstandorten begann die Anhand der vorhandenen Halophyten-Vegetation ausgewählt wurden wobei Melioration und Wiesenmahd dabei zu berücksichtigen waren. Es folgte die Erklärung spezifischer Begriffe wie z.B. primäre oder sekundäre Salzböden, halophil, halobiont. Auf Grafiken wurde das geologische Profil der Landschaft zwischen Sperenberg und Rüdersdorf bis in 3000 m Tiefe gezeigt, dazu über die geologischen Voraussetzungen informiert, die vorliegen müssen, damit Salzwasser an die Oberfläche tritt, die so genannte Süßwasser-/Salzwasserzirkulation. Die 100-400 m starke obere Schicht besteht aus Ablagerungen der Eiszeit (Pleistozän/Tertiär). Wir leben also auf der "Müllhalde der Eiszeit", wie der Vortragende feststellte.

Auf Karten wurde nun die Lage der Fläche bei Storkow sowie zwei weiterer Binnensalzstellen, u.a. der Marstallwiesen bei Groß Schauen gezeigt, der Vortrag stellte überwiegend Ergebnisse der Bearbeitung der Luchwiesen bei Storkow vor. Salz-Zeigerwerte wurden vorgestellt und besonders Salzpflanzengesellschaften angesprochen. Auf den Marstallwiesen wurde z.B. Sellerie gefunden, diese typische Salzpflanze galt in Brandenburg als ausgestorben. Hauptverbreitung sind die Salzstellen in Sachsen-Anhalt und nun in einem Bogen südlich Berlins.

382 Arthropodenarten in 19.140 Exemplaren lagen zur Auswertung vor. Prof. Barndt dankte allen Spezialisten, die ihn bei der Auswertung und Bestimmung unterstützt haben, besonders Prof. Horst Korge für die Det. zahlreicher Käfer, Herrn Bischoff aus Görlitz für die Bearbeitung der Spinnen und Dr. Ursula Göllner/Dr. Jürgen Deckert vom Naturkundemuseum für die Bearbeitung der Wanzen.

Es folgten detaillierte Auswertungen zu einzelnen Individuengruppen: Aus dem NSG Luchwiesen lagen z.B. 43 Arten Laufkäfer (Carabidae) in 1.130 Exemplaren vor, Bembidion tenellum, eine halobionte Art, in 215 Ex., sie war damit die dominante Art der Fläche. Vergleichbare Vorkommen sind nicht bekannt, zur Phänologie wurde festgestellt, dass die Art ihr Hauptauftreten in den Sommermonaten hatte. Amara ingenua, eine halophile Art, hat ihr Hauptauftreten im Oktober/November. Gutachten werden übrigens oft im Mai-Juni-Zeitraum erstellt, wodurch von diesen beiden genannten Arten nur wenige bzw. gar keine Nachweise erbracht würden. Diese Tatsache macht deutlich, dass für aussagefähige Gutachten Untersuchungen über mindestens eine komplette Vegetationsperiode notwendig sind!

Aus der Familie Kurzflügler (Staphylinidae) wurden 43 Arten in 418 Exemplaren nachgewiesen, darunter 91 Ex. der halophilen Art Bledius tricornis, die dominant auf der Fläche war. Das Vorkommen weiterer halophiler oder halobionter Kurzflügler wie Carpelimus foveolatus, Tomoglossa brakmani, Philonthus salinus belegen die hohe Wertigkeit dieser Salzfläche. Nachgewiesen wurde weiterhin die halophile Stutzkäferart (Histeridae) Atholus praetermissus und der halophile Schimmelkäfer (Cryptophagidae) Atomaria gutta, beide in großer Anzahl.

Der Vortragende sprach nun Arten an, die Regionen mit Salzeinfluss als Rückzugsgebiete besiedeln ohne an das Vorhandensein von Salzstellen gebunden zu sein. Als Beispiele wurde der Aaskäfer (Silphidae) Blithophaga opaca genannt, die Art wurde durch Bekämpfungsmaßnahmen aus Rübenfeldern vertrieben, weiterhin die Springwanze (Saldidae) Saldula opacula.

In Langzeituntersuchungen über mehrere Jahre kann eine Fluktuation bestimmter Arten festgestellt werden, deren Rolle bezogen auf die Ergebnisse erläutert wurde am Beispiel des Laufkäfers Elaphrus uliginosus und verdeutlicht mittels entsprechender Grafiken. Es folgte der Vergleich des Vorkommens von halophilen bzw. halobionten Laufkäfern und Schwimmkäfern (Dytiscidae) auf Salzflächen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg und die Erwähnung von Schmetterlingsarten der Salzflächen. Als Küstenbewohner sind 30 Arten bekannt, 10 kommen auch auf Binnensalzstellen vor (GERSTBERGER 2004). Nicht unerwähnt blieben die Spinnen von denen mehrere Beispiele für das Vorkommen an Salzstellen gebracht wurden, Argenna patula ist zudem auf dem Vormarsch von den Küsten auf Binnensalzstandorte.

Ein weiterer Vergleich zeigte Änderungen der Salzflora historisch, 1960 und aktuell betrachtet. Dabei ist eine stetige Abnahme zu registrieren, Folge insbesondere von Melioration und Aufgabe der Landnutzung auf den betreffenden Flächen. Gegen die fortschreitende Sukzession und das damit verbundene Verschwinden von Salzflächen helfen nur anthropogene Maßnahmen. Hauptaugenmerk muss dabei auf die Sicherung gut ausgebildeter Flächen gelegt werden. Im Rahmen einer Förderung für 800 ha Fläche durch die EU werden im Zeitraum 2005-2010 1,8 Mio. € zur Verfügung gestellt.

Eine Frage im Anschluss an den Vortrag kam von Andreas Ratsch, der wissen wollte, ob es sich beim Salz der Binensalzflächen nur um NaCl handelt und welche Bedingungen die Organismen dieser Flächen verlangen? Nein, auch andere Salze, z.B. Kaliumchlorid treten auf. Was die Organismen an die Salzstandorte bindet ist weitgehend ungeklärt, die Fauna von Küste und Binnensalzstellen ist überwiegend gleich. Die Tiere müssen nur unterschiedlichen osmotischen Druck verkraften können. Angeführt wurden Beispiele aus der Pflanzen- und Tierwelt.

Matthias Hartung fragte, ob Tongruben vergleichbar mit Binnensalzflächen sind: Antwort: Nein, diese stellen ein ganz spezielles Salz-Biotop dar mit einem völlig anderen Artenspektrum.

Die Sitzung endete gegen 21.00 Uhr, der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)