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Protokoll der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum am 12.12.2006

Beginn: 19.00 Uhr

Anwesend : 13 Mitglieder der FG, ebenfalls 13 des ORION, 3 Gäste

Vorsitz: Thomas Ziska


Verlesung des Protokolls durch Uwe Heinig

Thomas Ziska eröffnete die Sitzung mit der Mitteilung, dass der für heute angesagte Referent, Dr. Mey, aus dienstlichen Gründen verhindert sei.

Ganz kurzfristig hatte sich dankenswerterweise Manfred Gerstberger für einen Ersatzvortrag bereiterklärt zum Thema „Bellinchen, ein ehemals entomologisch interessanter Ort an der Oder".

Der Ort Bellinchen, heute Bielinek auf der polnischen Seite der Oder gelegen, war in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Standpunkt einer Biologischen Station des Naturkundemuseums.

Der Ort ist heute über den Grenzübergang bei Freienwalde gut zu erreichen, wenn man über Cedynia fahrend sich nördlich hält.

In einem Band der Reihe „Märkische Tierwelt" sind als aktive Entomologen dort u.a. Herr Hedicke (ein Hymenopterologe) erwähnt. Eine alte Postkarte lag dabei, von 1938 und zeitgemäß mit „Heil Hitler" unterzeichnet, die Erich Kirchberg, der spätere Leiter der DEG, an den Kustos Prof. Dr. Hering, Naturkundemuseum Berlin, schrieb.

In den Vorkriegsjahren gab es in Bellinchen eine Düne, eine Binnenlanddüne, die von Entomologen gern aufgesucht wurde, u.a. deswegen, weil dort eine Spezies der Ameisenjungfer gefunden wurde, die sonst vorwiegend aus den Ostseedünen bekannt war:

Der Referent zeigte ein Dia von Myrmeleon bore und erklärte den Unterschied zu dem sonst häufigen Myrmeleon formicarius.

Die Männchen der Species –bore unterscheiden sich von –formicarius durch Axillarpelotten an den Hinterflügeln. Die Weibchen haben eine andere Zeichnung am Pronotum.

Myrmeleon bore ist ein Dünentier, das den ganz feinkörnigen „Zuckersand", eben den angewehten Sand der Dünen zur Trichterbildung benötigt. Gefunden wurde das Tier 1940 von Tjeder.

Gerstberger hat nach der Wende zusammen mit Franz Theimer den Ort besucht, die Düne aber nicht wiedergefunden. In der vermuteten Gegend fand sich, wie wir auf mehreren Dias sahen, ein Hügel, dicht mit Eriken bewachsen und jungen Kiefern. Vermutlich ist die Düne gewandert und -oder - aufgeforstet worden.

Auch ein Schmetterling, Cydia larseni (Rebel 1903), früher aus Bellinchen bekannt, wurde nicht wiedergefunden, wohl aber am weiter westlich, auf deutscher Seite gelegenen Pimpinellenberg bei Oderberg.

An einem Dia war der Flugort am Hang des Berges, an einer Hecke zu sehen. Als Futterpflanze vermutet Gerstberger die Kronwicke (Coronilla).

Auf anderen Dias zeigte der Referent dem früheren Bellinchener Biotop ähnliche Biotope, z. B. den ehemaligen Grenzstreifen, der West-Berlin im Westen einst von der DDR trennte. Dieser Grenzstreifen wurde stets von Pflanzenbewuchs freigehalten, so dass der pure Sandboden die Oberfläche bestimmte. Und hier, wo beste Bedingungen für Myrmeleon bore gegeben sind, fand Gerstberger diese Art in Massen.

Anschließend sahen wir ein Dia von einem Treffen polnischer und deutscher Entomologen, das in Ostpolen stattfand. Der Tagungsort lag wegen der großen Entfernung für die Deutschen nicht günstig, doch ist demnächst in Odernähe ein deutsch-polnisches Treffen geplant.

Nach dem Vortrag bedankte sich der Vorsitzende beim Referenten und stellte die Frage in den Raum, welche Erfahrungen die Anwesenden gemacht haben, ob die Landschaft östlich der Oder sich vom Westufer unterscheide, und ob ehemalige Straßen und Flurbezeichnungen wiederzufinden seien.

Von Dr. Hartung kam hier der Hinweis, jeden Fund mit den Geodaten, den GPS-Koordinaten festzuhalten, denn selbst Einheimische hätten für ein und denselben Berg oder See oft verschiedenen Namen.

Ende der Sitzung gegen 20.00 Uhr, danach noch rege Unterhaltung in den „Chausseestuben".

Jörg Heimann