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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 13.03.2007

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend:  8 Mitglieder FG, 11 Mitglieder ORION, 2 Gäste

Thema: Die aktuelle und historische Verbreitung von Leptidea sinapis und Leptidea reali im westlichen Deutschland ( Lep.).

Referent: Dr. Oliver Schmitz


- Begrüßung der Anwesenden durch Michael Woelky.

- Verlesung des Protokolls vom 13.02.2007 durch Thomas Ziska.

Die Beschäftigung mit den Leguminosenweißlingen Leptidea sinapis und L. reali ist den Berlin/Brandenburger Lepidopterologen durch die Arbeit von Manfred Gerstberger und Otfried Woelky wohl bekannt: während L. sinapis in den älteren Sammlungen als einzige der beiden Arten vertreten ist, wurde L. reali erstmals 1973 für das Gebiet nachgewiesen. Diese Art ist inzwischen vielerorts häufiger anzutreffen als L. sinapis. Vor diesem Hintergrund erschien dem Referenten analog zu den Untersuchungen in Berlin und Brandenburg auch eine vergleichende Analyse der Bestandsituation beider Arten in den westlichen Bundesländern (schwerpunktmäßig Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz) geboten. Auf diese Weise sollte geklärt werden, ob Parallelen zur Situation in Berlin/Brandenburg bestehen.

In den einleitenden Folien ging der Referent zunächst auf aktuelle Kenntnisse zur Nomenklatur, Systematik und Taxonomie ein und stellte die artdiagnostischen Merkmale auf Basis genitalmorphologischer Charakteristika vor. Es folgte eine Übersicht der Verbreitung der beiden Taxa in den europäischen Nachbarstaaten, wobei insbesondere auf die Situation in Dänemark und in den Niederlanden eingegangen wurde. Während in Dänemark L. sinapis bereits vor 1980 verschwand und das Vorkommen von L. reali auf letzte Populationen auf der Insel Bornholm geschrumpft war, gilt seit 2003 auch L. reali in Dänemark als ausgestorben (O. Karsholt, schriftl. Mitt.). Anders stellt sich die Lage in den Niederlanden dar, wo in den 1950er Jahren in Süd-Limburg über mehrere Jahre hinweg L. reali festgestellt wurde, jedoch nach 1958 keine Populationen dieser Art mehr nachgewiesen werden konnten und stattdessen in der gleichen Region ab 1993 individuenstarke Populationen der Schwesterart L. sinapis beobachtet wurden.

Datengrundlage für die vorgestellte Untersuchung waren 625 vom Referenten genitalmorphologisch analysierte Leptidea sowie weitere 58 Exemplare, die im Rahmen diverser Publikationen aufgeführt wurden. Ergebnis: während die wenigen verfügbaren Nachweise aus dem ostwestfälischen Raum und dem angrenzenden NW-Hessen L. sinapis angehörten, ist im Rheinland L. reali die dominierende und in den letzten Jahren stellenweise an Häufigkeit zunehmende Art. L. sinapis hingegen ist bereits seit Beginn der 1960er Jahre in diesem Gebiet, das die Eifel, den Raum Köln/Bonn, das Mittelrhein- und Moselgebiet sowie Nahe/Glan und Hunsrück umfaßt, zu einer ausgesprochen seltenen Erscheinung geworden, wie die jetzige Analyse von Museums-, Instituts- und Privatsammlungen deutlich werden ließ: weniger als 3% der aus dem Zeitraum 1960-2006 stammenden Leptidea aus diesem Gebiet gehörten zu L. sinapis. Die frühesten Funde von L. reali datierten bereits aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und waren damit wesentlich älter als die ersten Nachweise aus dem Berlin/Brandenburger Raum.

Im Rahmen der genitalmorphologischen Analysen konnte auch ein bislang in der Literatur nicht beschriebener, hoch signifikanter Einfluss der saisonalen Phänologie auf die Größe der Genitalarmaturen ermittelt werden. Tiere der 2. und 3. Generation (Sommer- und Herbstgeneration) wiesen deutlich kleinere Aedoeagus-Längen auf als solche der im Frühjahr erscheinenden 1. Generation. Dies galt sowohl für L. sinapis, als auch für L. reali, war bei letzterer jedoch wesentlich stärker ausgeprägt als bei ersterer.

Während der anschließenden Diskussion wurde über mögliche Gründe für den regionalen Rückgang von L. sinapis und über etwaige Unterschiede in den Habitatpräferenzen beider Arten spekuliert. Beide Aspekte sind jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht befriedigend zu beantworten und bedürfen weiterer Untersuchungen.

Die Ergebnisse der vorgestellten Arbeit werden in Kürze publiziert.*

Die Sitzung endete gegen 20.45 Uhr, der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

* Schmitz, O. (2007): Neueste Kenntnisse zur historischen und aktuellen Verbreitung von Leptidea sinapis (Linnaeus, 1758) und Leptidea reali Reissinger 1989 (Lepidoptera: Pieridae) im Arbeitsgebiet der AG rheinisch-westfälischer Lepidopterologen. Entomologie heute: 19; zur Veröffentlichung angenommen.

Oliver Schmitz