zurück zum Programm-Archiv
Banner

Protokoll der Sitzung vom 10.04.2007

Vorsitzender : Thomas Ziska

Anwesend : 13 Mitglieder der FG., 11 Orion Mitglieder und 3 Gäste

Thema : Beitrag zur Stechimmenfauna von Berlin (Hymenoptera Aculeata)

Referent : Dr. Christoph Saure

Begrüßung durch Thomas Ziska


Von den in Deutschland vorkommenden 33.466 Insektenarten gehören 9.318 Arten zu den Hautflüglern. Diese sind damit die artenreichste Insektengruppe in Deutschland. Während etwa 4/5 aller Hautflügler zu den Legimmen (Terebrantes oder Parasitica, Schlupfwespen, Brackwespen, Erzwespen, Gallwespen u.v.m.) gerechnet werden, gehören zu den Stechimmen nur 1281 Arten. Die restlichen Arten werden einer dritten Gruppe, den Pflanzenwespen (Symphyta) zugeordnet.

Das Wissen über die durchweg parasitischen Legimmen ist sehr dürftig und nur wenige Artengruppen gelten als halbwegs gut untersucht. Dazu gehören beispielsweise die Schmalbauchwespen (Gasteruptionidae).

Dagegen sind die Kenntnisse über die Stechimmen, also die Hautflügler mit Wehrstachel, vergleichsweise gut. In Berlin kommen ca. 740 Arten vor, die sich auf mehrere Familien verteilen:

Familie Deutscher Name Berlin Anmerkungen
Bethylidae Plattwespen

13

Parasiten bei Käfern und Schmetterlingen
Dryinidae Zikadenwespen 9 Parasiten bei Zikaden
Embolemidae   1 Parasit bei Zikaden, nur vom Stadtrand bekannt (Döberitzer Heide)
Chrysididae Goldwespen 55 Parasiten bei Bienen und Wespen
Mutillidae Trugameisen 4 Parasiten bei Bienen und Grabwespen
Sapygidae Keulenwespen 4 Parasiten bei Bienen
Tiphiidae Rollwespen 6 Parasiten bei Käfern
Scoliidae Dolchwespen 1 Parasit bei Käfern
Formicidae Ameisen 40 staatenbildend
Vespidae (part.) Soziale Faltenwespen 11 staatenbildend
Vespidae (part.) Solitäre Faltenwespen 38  
Pompilidae Wegwespen 54  
Ampulicidae Grabwespen (part.) 1  
Sphecidae Grabwespen (part.) 7  
Crabronidae Grabwespen (part.) 172  
Apidae Bienen 298 teils staatenbildend

Die bekanntesten Wespen, die Hornisse sowie die im Spätsommer oft lästige Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe sind soziale Faltenwespen (Vespinae, Polistinae). Diese leben in der Regel in einjährigen Sozialstaaten mit Arbeiterkaste und betreiben eine ausgeprägte Brutpflege. Daneben gibt es auch solitäre Faltenwespen (Eumeninae), bei denen die Weibchen wie bei Wegwespen (Pompilidae) und Grabwespen (Ampulicidae, Sphecidae, Crabronidae) jeweils eigene Nester anlegen und mit Larvennahrung verproviantieren. Die wesentlichen Kleinstrukturen, die Weg-, Grab- und Faltenwespen zur Nestanlage benötigen, sind Hohlräume in der obersten Bodenschicht, Fraßgänge in Alt- und Totholz, Fugen in Trockenmauern und dürre Pflanzenstängel. Einige Arten sind in der Lage, ihre Nester selbst zu graben, andere mörteln ihre Brutzellen aus Lehm. Wegwespen tragen zur Versorgung ihrer Nachkommen ausnahmslos Spinnen ein, Grab- und Faltenwespen jagen die unterschiedlichsten Insekten oder Spinnen, wobei einzelne Grabwespenarten aber streng an bestimmte Beutetiergruppen gebunden sind. Wenige Weg- und Grabwespen leben parasitisch bei anderen Wespen.

Im Gegensatz zu den parasitischen oder räuberischen Wespen ernähren sich die Larven der Bienen (Apidae) ausschließlich von Blütenprodukten, vor allem von dem proteinreichen Pollen. Dagegen nehmen ausgewachsene Bienen, den Wespen entsprechend, vorwiegend zuckerhaltigen Nektar auf. Oligolektische Bienenarten sammeln den Pollen zur Versorgung der Brut nur an verwandten Pflanzen einer Gattung oder Familie, selten liegt eine Bindung an eine bestimmte Pflanzenart vor. Diese hochgradige Spezialisierung setzt das Vorkommen der entsprechenden Nahrungsquelle im Gesamtlebensraum der Bienenart voraus. Beim Besuch der Blüte wird diese in der Regel bestäubt. Aufgrund dieser Funktion sind Bienen von überragender Bedeutung für den Naturhaushalt.

Die nestbauenden Bienenarten besitzen arttypische Nistweisen und legen ihre Brutzellen nur an bestimmten Stellen an. Die Nester werden im Erdboden selbst gegraben oder sie werden in Totholz oder in markhaltigen Stängeln selbst genagt. Viele Arten nutzen vorgefundene Käferfraßgänge oder leere Schneckenhäuser, andere errichten ihre Brutzellen aus Mörtel oder Harz an Steinen oder Zweigen. Für den Bau der Nester benötigen zahlreiche Arten bestimmte Fremdmaterialien, z.B. Blätter oder Steinchen. Die verschiedenen Lebensraumelemente (Nistplatz, Nahrungspflanzen, Nestbaumaterialien) können durchaus mehrere hundert Meter voneinander entfernt sein. Etwa ein Drittel der heimischen Bienenarten, die so genannten Kuckucksbienen, verzichten auf den Bau eigener Nester und schmuggeln ihre Eier in die Brutzellen anderer Bienen, wo sich die Larven von dem Pollenvorrat des Wirtes ernähren.

Sehr gute Lebensräume für Stechimmen sind Sand-, Kies- und Tongruben, die aufgrund des oftmals kleinräumigen Strukturmosaiks vielen Arten Existenzbedingungen bieten. Ein Beispiel ist die ehemalige Kiesgrube im Grunewald im Jagen 86. Auch alle Ausprägungen von Trockenrasen und Ruderalfluren sind geeignete Stechimmenbiotope. Die artenreichsten Flächen in Berlin sind die Magerrasen am Fort Hahneberg (Staaken) mit 305 Bienen- und Wespenarten sowie die Trockenrasen und Ruderalfluren im Bereich des ehemaligen Flugfeldes Johannisthal (Treptow) mit 356 Arten.

Exkurs:

Die Lederwanze Leptoglossus occidentalis Heidemann, 1910: Neu für Deutschland

Diese bis 2 cm große und mit ihren blattartig verbreiteten Hintertibien auffallende Art wurde von Nordamerika nach Europa eingeschleppt und erstmals 1999 in Norditalien festgestellt. Von dort hat sie sich kontinuierlich nach Norden ausgebreitet. Nachweise existieren aus der Schweiz 2002, Slowenien und Spanien 2003, Kroatien und Ungarn 2004 und Österreich 2005. In Deutschland wurde die Art erstmals 2006 beobachtet, und zwar in Berlin-Zehlendorf. Einen Fund vom 29.10.2006 (leg. Jessel) wurde von Prof. Werner (Universität Köln) als Erstfund für Deutschland publiziert. Tatsächlich konnte der Referent die Art am noch zeitiger am 4.10. und am 18.10.2006 in seiner Wohnung am Licht bzw. in seinem Garten nachweisen. Die Art saugt an Samen und Blüten verschiedener Nadelhölzer, insbesondere Kiefer und Fichte. Im Garten des Referenten kommen diese Gehölze vor. Bemerkenswert ist der große räumliche Sprung von den österreichischen Funden (Tirol, Kärnten, Wien) bis nach Berlin. Es ist aber wahrscheinlich, dass die Art auch in Süd- und Mitteldeutschland an geeigneten Stellen vorkommt.


Die Sitzung endete gegen 20.45 Uhr. Der gesellige Teil fand in den nahen Chausseestuben statt.

Dr. Christoph Saure