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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 8.05.2007

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend: 12 Mitglieder FG, 10 Mitglieder ORION, 1 Gast

Thema: Neues über Scarabaeidae der Balkanhalbinsel (Coleoptera).


- Begrüßung der Anwesenden, besonders des Vortragenden, Oliver Hillert (Michael Woelky).

- Verlesung des Protokolls vom 10.04.2007 durch Uwe Heinig (geschrieben von Chris Saure).

Oliver Hillert stellte in seiner Beamer-Präsentation Neuigkeiten zu Blatthornkäfern (Scarabaeidae) der Balkanhalbinsel vor und erweiterte den Titel um das Gebiet Italiens und um die Gattung Typhaeus. Hauptinhalt des Vortrages war aber die Gattung Lethrus, die der Vortragende speziell bearbeitet und die uns vom so genannten "Rebschneider" bekannt ist.

Das Hauptverbreitungsgebiet dieser Gattung, das zunächst auf Karten vorgestellt wurde, ist Zentralasien, wo sie mit über 100 Arten vorkommt. Man kann die Tiere in Höhen bis zu 3000 m finden, meist beschränkt sich die Verbreitung jedoch auf Tallagen. In Europa kommen die meisten Arten in der Sandanski-Schlucht und Umgebung in Bulgarien vor, man findet Arten der Gattung aber z.B. auch in der Türkei, hier fast ausschließlich an der westlichen Küste. Verbreitungsangaben in älterer Literatur sind oft problematisch, da sich seither Ländergrenzen geändert haben, so z.B. bei Griechenland und der Türkei oder heutige Gebiete mit Lethrus-Vorkommen gehörten früher zu Deutschland. Das Areal vieler Arten ist extrem klein. Die flugunfähigen Tiere können kaum Flüsse oder andere größere Hindernisse überschreiten, so dass es zur Entwicklung vieler Arten in unmittelbarer Nachbarschaft kam. Aus N-Griechenland, unweit der Grenze zu Bulgarien liegt eine noch unbeschriebene Art vor, die noch untersucht werden muss.

Lethrus hat eine interessante Entwicklung: Die Tiere graben Röhren bis 1 m Tiefe in den Boden, an deren Ende bis zu 10 Brutkammern liegen. Hier werden Blatt- und Pflanzenteile deponiert und es erfolgt die Eiablage. Die Larve frisst von dem Pflanzenmaterial und verpuppt sich in einem Kokon aus Kot, Erde und Resten der Nahrung. Das Ausgraben ist in den Morgenstunden noch relativ einfach, denn dann sind die Gänge noch nicht sehr tief.

Nachfolgend stellte Oliver Hillert die Lethrus-Untergattungen der jeweiligen Regionen vor, zeigte dazugehörige Arten, auf Zeichnungen deren charakteristische Unterschiede und auf Karten das jeweilige Verbreitungsareal. Die Bestimmung erfolgt fast immer anhand der Anhänge an den Mandibeln der Männchen. Die Funktion dieser Anhänge wurde kurz diskutiert, manchmal dienen sie zum Kampf mit Rivalen, dabei geht es aber friedlich zu, man zeigt nur, was man hat! Weibchen besitzen keine Kiefer-Anhänge und sind oft nicht bestimmbar.

Im zweiten Teil des Vortrages machte Oliver Hillert mit Arten der Gattung Typhaeus aus Sardinien bekannt. Bei Typhaeus handelt es sich um eine rein paläarktisch verbreitete Gattung, deren Arten überwiegend in N-Afrika und S-Europa verbreitet sind und zu der auch unser heimischer Stierkäfer oder Dreihornmistkäfer zählt. Die Halsschilder weisen bei den Männchen gut ausgebildete Hörner auf, bei den Weibchen sind nur kleine Beulen zu sehen. Die Unterschiede der besprochenen Arten wurden auf Zeichnungen verdeutlicht. Auch hier, wie bei Lethrus, kommen oft mehrere Arten in unmittelbarer Nachbarschaft lediglich in unterschiedlichen Biotopen vor, so z.B. eine im Sand (Strand, Dünen) und eine zweite im steinigen, bergigen Gelände.

Die Lebensweise entspricht der von Lethrus, Typhaeus gräbt ebenfalls bis zu 1 m tiefe Röhren mit Brutkammern, nur wird von diesen Tieren Kot als Larvennahrung eingetragen.

Zum Abschluss des Vortrages wurden Bilder von fünf Reisen nach Griechenland und in die Türkei gezeigt, überwiegend Insekten, aber auch einige Eidechsen, Schlangen, Frösche und Kröten sowie Impressionen vom Sammeln und Leben während der Touren.

Im Anschluss wurde ein Kasten mit Anschauungsmaterial herumgegeben und Oliver Hillert beantwortete Fragen: Thomas Ziska fragte, ob die Kiefer-Anhänge hinderlich beim Fressen sein können, was verneint wurde. Die Tiere verfügen über sehr starke Beißwerkzeuge. Matthias Hartung vermutete, dass die Anhänge auch zum Graben verwendet werden. Das wurde ebenfalls verneint, denn auch die weiblichen Tiere ohne Kiefer-Anhänge graben und oft stellt man stark mitgenommene Vorderschienen fest, nie aber beschädigte Anhänge. Kann die kleinflächige Verbreitung der Arten eine Folge des Untergrundes sein oder ein Glazialrelikt? Dazu muss noch mehr Wissen zusammengetragen werden.

Stephan Gottwald fragte noch zur Brutbiologie und Joachim Schulze ergänzte, dass der "Rebschneider" eigentlich nicht auf Reben fixiert ist, sondern alles Pflanzenmaterial verwendet. Wahrscheinlich wurde der Käfer irgendwann zufällig im Weinbau schädlich und hat dadurch seinen Namen erhalten.


Die Sitzung endete gegen 20.15 Uhr, der gesellige Teil fand in den Chaussee-Stuben statt .

Uwe Heinig (Schriftführer FG)