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Protokoll der Sitzung vom 11. März 2008

Anwesend: 8 Mitglieder der FG, 10 Mitglieder des Orion und 3 Gäste

Vorsitz: Michael Woelky

Beginn: 19 Uhr


Flug, Beutefang und Fortpflanzung von Libellen

Vortrag von Dagmar Hilfert-Rüppell und Georg Rüppell

Flug: Der anspruchsvolle Hubschrauberflug der Libellen mit seinen unabhängig voneinander bewegten Vorder- und Hinterflügeln wird beschrieben. Die wellblechartig geformten Flügel sind steif und besitzen günstige aerodynamische Eigenschaften. Die meisten Kleinlibellen haben transparente Flügel und bewegen ihre Flügelpaare gegenläufig. Während ein Flügelpaar nach vorne schlägt, bewegt sich das andere nach hinten. Das führt zu einem gleichmäßigen Flug, der energiesparend und langsam ist. So erreichen Kleinlibellen Fluggeschwindigkeiten von höchstens einem bis zwei Meter pro Sekunde. Prachtlibellen schlagen ihre Flügelpaare meistens gemeinsam vor und zurück. Das ermöglicht dem Männchen, ihre farbigen Flügel als auffälliges Signal einzusetzen, wenn es gilt, Rivalen zu beeindrucken. Aber auch aerodynamisch ist das Synchronschlagen vorteilhaft. Oft sind die Flügel sehr steil gestellt und werden ähnlich wie Ruder eingesetzt. Beim Kurvenflug werden die  rechten Flügel anders bewegt als die linken. Großlibellen erreichen die höchsten Fluggeschwindigkeiten (bis 15 m/s) und können die Phasenbeziehungen ihrer Vorder- und Hinterflügel von gegenläufig bis synchron verschieben.

Beuteflug: Besonders morgens und abends ist Jagdzeit. Prachtlibellen versammeln sich dann auf Uferpflanzen, kämpfen um die besten Sitzplätze und fliegen nach vorüberfliegenden kleinen, zarten Insekten wie Fliegen, Mücken oder Eintagsfliegen. Wie zu einem Fischernetz werden die 6 langen Beine mit über 200 feinen Fangborsten zusammengefügt und dem Beutetier entgegengehalten. Meistens werden nämlich entgegenkommende Insekten ins Visier genommen. Auch schnellere Insekten haben dann keinen Geschwindigkeitsvorteil mehr. Das große Fangnetz entfaltet am besten seine Wirkung, wenn die Beute  gegen die spitzen Borsten prallt. Oft fliegen mehrere Prachtlibellen gleichzeitig nach dem gleichen Insekt, wobei die höchsten je bei Tieren gemessenenen Anfangsbeschleunigungen erreicht werden.

Fortpflanzung: Einige Libellen sind territorial, sie verteidigen Gebiete, in denen sie die Weibchen erwarten. Im Laufe der Jahrmillionen haben die Prachtlibellenmännchen farbige Flügel bekommen, die sie wie Signalflaggen einsetzen. Sie schlagen beim Drohflug ganz außergewöhnlich beide Flügelpaare gemeinsam vor und zurück. Das lässt die Farbflächen viel größer erscheinen, als wenn nur jeweils ein Flügelpaar zu sehen ist wie beim sonst bei Kleinlibellen üblichen gegenläufigen Schlagen. Anderen Männchen wird damit gedroht: „Dies ist mein Gebiet, verschwinde!" Diese Signalsprache ist ein uraltes Ritual, das sich entwickelt hat, weil es Kosten spart. Außerdem macht es Berührungskämpfe meist entbehrlich und verringert so das Verletzungsrisiko.

Nur wenige Libellen balzen so auffällig wie Prachtlibellen. Diese haben dazu einen eigenen Flugstil entwickelt, den Balz- oder Werbeflug. Dabei bewegen sie ihre Flügel völlig anders als beim normalen Flug. Dadurch signalisiert das Männchen dem Weibchen seine Paarungsabsichten. Bis 50 Mal in einer Sekunde – fast drei Mal so schnell wie beim normalen Flug, werden  jetzt die Flügel hin- und her geschlagen. Das ist ein enormer Kraftakt und als solcher ein guter Test. Denn nur wer gut und lange balzen kann, ist gesund und kraftvoll und kommt als Vater für die Nachkommen des Weibchens in Frage. Alle Prachtlibellenarten bewegen ihre Flügel beim Balzflug etwas anders. So können die Weibchen das richtige, arteigene Männchen sicher erkennen.

Im Hochsommer, besonders nach langen Schlechtwetterperioden, schlüpfen sehr viele Prachtlibellen. Ihre Dichte wird so hoch, dass sich im Uferbereich auf einem Quadratmeter gleich mehrere Männchen drängen. Das Territorialsystem bricht fast vollständig zusammen. Jedes Männchen muss nun auf alternative Weise versuchen, an Weibchen zu kommen. Besonders wild geht es zu, wenn es nach einer Reihe kühler Tage wieder sehr warm wird. Mit äußerst riskantem Verhalten versuchen die Männchen dann, jede Chance zur Paarung zu nutzen. Am Schlafplatz haben die Prachtlibellenmännchen eine besonders raffinierte Methode entwickelt, um Paarungen zu bekommen. Durch Aufwärmen mit ausgebreiteten Flügeln erreichen sie wegen ihrer dunklen Färbung höhere Betriebstemperaturen als die Weibchen, die sie dann leicht ergreifen können. Prachtlibellen paaren sich meist verborgen in der Vegetation. Das dauert etwa zwei bis drei Minuten. Zuerst wird ein Tandem gebildet. Anschließen füllt das Männchen seinen Samen vom Hinterende nach vorn in sein Kopulationsorgan. Dorthin klappt das Weibchen nun sein Hinterleibende und verhakt sich am Männchen. Jetzt passiert etwas Unglaubliches: das Männchen entfernt zuerst den Samen fremder Männchen von vorherigen Paarungen aus dem Weibchen. Erst danach füllt das Männchen seinen eigenen Samen ein. Einige Prachtlibellenmännchen sind dabei sehr effektiv: bis zu 98% des fremden Samens können sie ausräumen. Nach der körperlichen Trennung fliegt das Männchen in sein Revier und ermuntert das Weibchen zur Eiablage. Erst dabei werden die Eier mit seinem Samen befruchtet. Nur wenn die Eier sicher im Pflanzenstängel untergebracht sind, kann er sicher sein, der Vater zu werden.

Ein Zeitlupenfilm rundete den Vortrag ab.


Georg Rüppell