zurück zum Programm-Archiv
Banner

PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 9.09.2008

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend (+ Doppelmitgliedschaft): 10 (+ 5) Mitglieder FG, 4 (+ 5) Mitglieder ORION, 3 Gäste

Thema: Insekt mit acht Flügeln aus dem Land Brandenburg.

- Michael Woelky begrüßte die Teilnehmer zur ersten Sitzung nach der Sommerpause, insbesondere den Vortragenden, Prof. Horst Korge.

- Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 10.06.2008 durch Uwe Heinig.


Prof. Horst Korge stellte einen Vertreter aus der Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera) vor und zwar eine Mymaridae. Diese Insekten sind sehr klein, erreichen Körpergrößen ab 0,2 mm, die größten Vertreter gerade einmal 1,2 mm. Darum werden sie bei Freilandaufsammlungen kaum gefangen. Ein „verrücktes" Tier fing Dr. Ralf Deichsel am 2.08.2001 in Potsdam bei Fallenfängen am Ufer eines Sees und überließ es dem Vortragenden. Dieser gab eine kurze Beschreibung des Fundortes, eines kleinen, naturgeschützten Sees und der Fundumstände. Bei sehr großer Vergrößerung (160 x) konnte die winzige Mymaridae im Schlammsubstrat entdeckt werden.

Eine Folie zeigte den Körperbau dieser Tiere, auf den Prof. Korge nachfolgend einging. Besonders bemerkenswert sind die Flügel, die nicht geädert sind, wie sonst bei Hymenopteren, sondern glatt und mit Borstenrändern versehen. Die Entwicklung erfolgt als Parasit in den Eiern anderer Insekten. Von vielen Arten sind keine Männchen bekannt, was die Vermutung nahe legt, dass sie sich parthenogenetisch fortpflanzen. In einem Einwurf wurde erwähnt, dass auch bei Arten der Atheta fungi-Gruppe, kleinen Kurzflügelkäfern, Parthenogenese vorkommt.

Mymariden fliegen nicht nur in der Luft, die winzigen Tiere werden aber wohl mehr passiv mit dem Wind verdriftet, sondern auch unter Wasser. Sie besitzen keine Schwimmorgane, nur ihre Flügel.

„Unser verrücktes" Tier, das 0,5 mm groß ist, hat ganz offensichtlich ein drittes Flügelpaar (Hinterflügel), das keine typischen Mymaridenflügel zeigt, sondern geäderte Hymenopterenflügel. Diese Flügel sind über die eingeschnittene Taille gelegt. Außerdem gibt es noch ein rudimentäres viertes Flügelpaar (Vorderflügel).

Der Vortragende zeigte Fotos des Tieres in sehr starker Vergrößerung und versuchte eine Erklärung des Phänomens. Das ausgebildete zusätzliche Hinterflügelpaar sorgt für eine strömungsgünstige Körperform, die beim „Fliegen" unter Wasser Verwirbelungen im Bereich der Taille vermeidet. Es könnte also sogar ein Schritt der Evolution sein und keine Monströsität. Nach weiteren Studien soll das vorliegende Tier als neue Art beschrieben werden.

Im Anschluss an den von Prof. Korge in seiner gewohnt humorvollen Art gehaltenen Vortrag, der den Anwesenden eine eher unbekannte Insektengruppe näherbrachte, gab es noch einige Fragen:

Dr. Wilfried Funk fragte, warum die zusätzlichen Organe als Flügel klassifiziert wurden? Antwort: Es gibt entsprechende Gelenke und Muskulatur.

Bernd Krüger und einige weitere Anwesende wollten noch einmal Fotos sehen, auf denen wirklich acht Flügel zu sehen sind. Es hatte den Anschein, dass nur drei Paare vorhanden sind, der Vortragende wies aber darauf hin, dass das vierte, rudimentäre Paar, sehr schlecht zu sehen ist, was an der extrem komplizierten Fotografie des winzigen Insektes und der geringen Tiefenschärfe liegt. Unter dem Mikroskop ist das vierte Paar deutlich zu sehen.

Dr. Funk zeigte noch eine Aufnahme von Lycaena icarus, einem Bläuling. Dieses Exemplar stellt einen Halbseitenzwitter dar, die linken Flügel sind die des Männchens, die rechten Flügel die des Weibchens.


Die Sitzung endete gegen 20.15 Uhr. Der gesellige Teil fand anschließend in den Chaussee-Stuben statt .

Uwe Heinig (Schriftführer FG)