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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 10.02.2009

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend (+ Doppelmitgliedschaft): 10 (+ 4) Mitglieder FG, 13 (+ 4) Mitglieder ORION, 7 Gäste

Thema: Insekt des Jahres 2009 und andere Zikaden.

Thomas Ziska begrüßte die Anwesenden, besonders die Vortragende Frau Prof. Hoch vom Naturkundemuseum. Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 13.01.2009 durch Uwe Heinig.


Frau Prof. Hoch bemerkte eingangs ihres Vortrages, dass erstmals eine Zikade zum „Insekt des Jahres" gekürt wurde. Wie in den letzten beiden Jahren ist es ein schwarz-rotes Tier, die Blutzikade (Cercopis vulnerata). Die ausgewählten Insekten sollen auffällig sein und auch von Laien zu erkennen bzw. zu beobachten. Das Info-Blatt zur Art wurde zur Mitnahme ausgelegt.

Eine erste Folie verdeutlichte die Vielfalt der Zikaden und die Vortragende informierte über die Stellung der Tiere im System der Insekten. Die Ordnung der Zikaden (Auchenorrhyncha), die sich in zwei Gruppen aufteilt, gehört neben der Ordnung Wanzen und verschiedenen Ordnungen von Läusen zur großen Gruppe der Pflanzensauger (Hemiptera). Weltweit wurden ca. 39.000 Arten Zikaden beschrieben, wie bei allen Insekten rechnet die Wissenschaft aber mit bis zu doppelt so vielen Arten.

Die Fotos, die im Vortrag gezeigt wurden, stammen überwiegend von Prof. Ekkehard Wachmann. Er war Gast des Abends und Frau Prof. Hoch dankte für die hervorragenden Bilder.

Der Körperbau einer Zikade wurde beschrieben und besonders auf die stechend-saugenden Mundwerkzeuge hingewiesen, die die Stellung zur monophyletischen Gruppe der Hemiptera begründen. Eine Grafik wurde gezeigt und die Funktion der Mundwerkzeuge detailliert erklärt. Ebenso detailliert wurde die Erzeugung des Geräusches erläutert, das bei den Singzikaden nur vom Männchen abgegeben wird und die Weibchen anlockt. Bei den Kleinzikaden erzeugen auch die Weibchen Geräusche. Verschiedene Arten „singen" zu verschiedenen Tageszeiten, manche mittags, andere abends, besonders erwähnt wurde die 17-Jahre-Zikade, die in den USA lebt und die längste bei Insekten bekannte Entwicklung hat. Von ihr gibt es also nur alle 17 Jahre „Krach".

Auf Fotos wurden einige in der Land- und Gartenwirtschaft der jeweiligen Länder schädliche Arten vorgestellt, die Zuckerrohr, Reis oder Rhododendron schädigen. Zikaden besitzen z.T. bizarre Körperformen, wie Buckelzikaden und Laternenträger, die über Chitinfortsätze verfügen. Ebenso bizarr sehen Wachsanhänge aus, mit denen sich die Imagines und Larven verschiedener Arten gegen Fressfeinde schützen. Das Wachs wird aus den aufgenommenen Pflanzensäften erzeugt und auf der Körperoberfläche verteilt. Die Ausscheidung geschieht vergleichbar Rasierschaum mit einem zischenden Laut und es wird Wärme entwickelt. Ein Feind lässt die Zikade vor Schreck fallen. Weitere interessante Ausführungen der Vortragenden machten mit Flügeldimorphismus und Artenschwärmen bekannt. So entwickelten sich auf Hawaii aus einer Ursprungsart bis zu 80 neue Arten! Dort findet man Zikaden auch in Lavahöhlen, sie sind dann blind, besitzen keine Flügel und haben auch keine Farbpigmente. Der Gesang der männlichen und weiblichen Höhlenzikade wurde vorgestellt, es findet ein regelrechter Dialog statt. Jede Art hat zudem ihren eigenen spezifischen Gesang. Es folgte als Beispiel das Geräusch einer an Akazie lebenden Art, das sich von dem der Höhlenzikade vollkommen unterscheidet. Im Original sind die Geräusche für uns nicht hörbar, für die Wiedergabe wurden sie etwa 1000-fach verstärkt.

Sinnesorgane verschiedener Zikaden in Form von Körperanhängen wurden vorgestellt, wobei die Funktion oft noch unerforscht ist.

Zuletzt wurde nun auch die heimische Blutzikade besprochen und auf Unterschiede zu verwandten Arten hingewiesen, die noch nicht bis nach Berlin-Brandenburg vorgedrungen sind. Bekannt sind wohl auch jedem Entomologen die Schaumzikaden, die in z.T. großer Anzahl z.B. auf Weide/Pappel vorkommen und es beim Klopfen mit dem Schirm manchmal regnen lassen. Die Lebensweise und Schaumproduktion wurde ausführlich erläutert und in einem Film mit beeindruckenden Makroaufnahmen gezeigt.

Anschließend an den Vortrag beantwortete Frau Prof. Hoch Fragen von Thomas Ziska, Jürgen Kurdas, Ekkehard Wachmann, Matthias Hartung und Jens Esser u.a. zur Technik der Tonaufnahmen und zur Hitzeresistenz des Schaumes bei Schaumzikaden. Letztere ist noch nicht endgültig erforscht, im Sommer 2009 sollen Untersuchungen dazu stattfinden.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20.30 Uhr. Das gesellige Beisammensein fand anschließend in der nahe liegenden Gastronomie statt .

Uwe Heinig (Schriftführer FG)