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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 14.04.2009

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend: 7 Mitglieder der FG., 10 Orion Mitglieder und 3 Gäste

Thema: Wildbienen am Haus und im Garten - Lebensweise und Ansiedlungsmöglichkeiten

Referent: Thomas Ziska


Aus Deutschland sind 550 Wildbienen-Arten bekannt. Davon stehen 52 % in der Roten Liste der bedrohten Tiere Deutschlands.

Wildbienen sind weit verbreitet, von der Küste über die Ebene bis ins Hochgebirge. Es werden trockene, warme und blütenreiche Lebensräume bevorzugt. Viele Arten sind Ubiquisten. Bei einer Reihe von Arten liegt eine enge Biotopbindung vor. So leben einige Arten nur im offenen Gelände, auf Sandflächen, auf Trockenrasen, in Feuchtbiotopen oder im Gebirge.

Die Körpergröße der Wildbienen liegt zwischen 4 - 28 mm. Typisch ist eine starke bis pelzige Behaarung. Die Weibchen verfügen über eine Sammeleinrichtung für Pollen und besitzen einen Giftstachel. Wildbienen ernähren ihre Larven ausschließlich mit Pollen und Nektar.

Sie sind wichtige Bestäuber einheimischer Blütenpflanzen. Der Körperbau der Wildbienen ist der Form der Blüte angepasst. Somit ist eine optimale Bestäubung der Blüten möglich. Ein dichtes Haarkleid der Hummeln ermöglicht ein Sammeln bei niedrigen Temperaturen (2 - 5 °C). Hummeln übernehmen die Bestäubung wichtiger Kulturpflanzen wie Klee und Luzerne. Dank ihres langen Rüssels ist die Gartenhummel ein Bestäuber von Rittersporn. Die Bestäubung von Verschlussblüten wie z. B. Löwenmaul erfolgt durch Hummeln, die durch ihr Eigengewicht in der Lage sind, den Verschluss der Blüte zu öffnen. Das Vibrationssammeln der Hummeln wurde erläutert. Im naturnahen Lebensraum sind Wildbienen die Hauptbestäuber. Der Einsatz der Honigbiene ist nur bei der Bestäubung von Kulturpflanzen erforderlich.

Wildbienen benötigen einen Nistplatz und ein ausreichendes Nahrungsangebot zur Fortpflanzung. Nistplätze werden im Boden, in Mäuselöcher, Abbruchkanten, Steilwänden, Pflanzenstängeln, Alt- und Totholz, verlassenen Schneckenhäusern, Steinhöhlungen oder Mauern angelegt. Das Nest besteht aus Brutzellen, die durch Zwischenwände getrennt sind. Als Nestmaterial werden verschieden Materialien benötigt. In Frage kommen Blätter (Blattschneidebienen), Pflanzenhaare und Harz (Wollbienen), Sand, Lehm (z. B. Mauerbienen), Holzpartikel (Keulhornbienen), Wachs (Hummeln) oder körpereigenes Drüsensekret (z. B. Maskenbienen).

Die Mehrzahl der Wildbienen lebt solitär. Nur wenige Arten wie Hummeln, Honigbiene und einige Furchenbienen sind sozial.

Der Vortragende erläuterte die Entwicklung einer Wildbiene am Beispiel der roten Mauerbiene Osmia bicornis. Diese Biene lebt vor allem im Siedlungsbereich. Sie fliegt von Anfang April bis Mitte Juni und bildet eine Generation im Jahr. Die Art ist polylektisch, das heißt, sie besucht verschiedene Trachten, u. a. Weide, Obstbäume, Eiche, Ahorn, Taubnessel, Raps. Die Männchen schlüpfen vor den Weibchen. Als Nistplätze kommen Hohlräume in Gemäuern, Felsspalten, Steilwänden, Holz, Schilf in Frage. Bei trockenem Wetter werden ein bis zwei Brutzellen pro Tag gebaut, in denen je ein Ei abgelegt wird. Aus unbefruchteten Eiern entwickeln sich Männchen und aus befruchteten Eiern werden Weibchen.

Die Lebensdauer der Wildbienen beträgt bei den Männchen 3 - 7 Wochen und bei den Weibchen 5 -11 Wochen.

Die Hauptursachen für die Gefährdung der Wildbienen sind die Zerstörung von Nistplätzen und Vernichtung des Nahrungsangebotes (Wildpflanzen). Dieses erfolgt vor allem durch Bebauung, und Versieglung von Freiflächen, Flurbereinigung, Monokulturen, Pestizide und Düngung.

Bienenschutz bedeutet Erhaltung der Lebensräume, Schaffung von Nistmöglichkeiten, Duldung von Wildpflanzen (Unkräutern) und Förderung von Blütenpflanzen. Nachfolgend wurden durch den Referenten eine Reihe von Nisthilfen, wie z. B. Bambusrohr, Schilfstängel, Holz, Ziegelsteine mit Hohlräumen, markhaltige Zweige vorgestellt, die jeder in seinem Garten oder auf dem Balkon anbringen kann. Abschließend wurden einige Bäume, Sträucher, Kletterpflanzen, Wildkräuter, Blumen und Gewürze genannt, die als Wildbienen-Trachten in Frage kommen.

Am Ende des Vortrages wurden noch einige Fragen beantwortet, u. a. die Frage, warum sich aus unbefruchteten Eiern keine Weibchen sondern Männchen entwickeln. Antwort:

Die männlichen Tiere besitzen nur einen einfachen Chromosomensatz. Die Weibchen dagegen besitzen einen doppelten Chromosomensatz. Ob der Nachwuchs zum Weibchen oder zum Männchen wird, hängt von einem Gen namens "csd"(complementary sex determiner) ab. Dieses enthält die Information für den Bau eines Eiweißes, das für die Entwicklung des weiblichen Nachwuchses entscheidend ist. In einem unbefruchteten Ei liegt dieses Eiweiß nur in einer Version vor und ist in diesem Zustand funktionslos. Aus dem Ei entwickelt sich ein Männchen. Erst wenn das Ei befruchtet wird und damit zwei Versionen des csd-Gens und somit zwei unterschiedliche Versionen des Eiweißes vorliegen, werden die beiden Eiweiße funktionstüchtig. Sie bilden einen Komplex, der im Genom andere Gene aktiviert, die die Entwicklung weiblicher Merkmale veranlassen.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20.30 Uhr.

Thomas Ziska