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PROTOKOLL der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 12.05.2009

Vorsitzender: Michael Woelky

Anwesend (+ Doppelmitgliedschaft): 5 (+ 3) Mitglieder FG, 10 (+ 3) Mitglieder ORION, 2 Gäste

Thema: Wiederansielung ausgestorbener Tagfalter in Brandenburg


Michael Woelky begrüßte die Anwesenden, besonders den Vortragenden Dr. Hartmut Kretschmer. Dann folgte der Hinweis auf eine Vernissage in Schmetterlingshorst am 17.05. ab 15 Uhr.

Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 14.04.2009 durch Thomas Ziska.

Der Vortrag von Dr. Kretschmer begann mit einem Überblick über die Gliederungspunkte, wie Ausgangssituation, Gesetzlicher Auftrag, Auswahl der Arten und die Wiederansiedlung.

Durch Biotopvernichtung bzw. -entwertung kam es zum lokalen Aussterben oder zur Reduktion auf minimale Restbestände verschiedener Tagfalterarten. Viele von ihnen leben nun in letzten Inselvorkommen. Es wurden Chancen gesehen, durch Renaturierung der Biotope und durch Pflegemaßnahmen einzelne Arten wieder anzusiedeln. Positiv wirkt sich dabei der generelle Rückgang des Stickstoffeintrags durch die Landwirtschaft aus, ferner die Entwicklung großer Dauerstilllegungsflächen mit Magerrasen oder die Wiedervernässung von Mooren bzw. Feuchtwiesen. Als Beispiel diente das Ruhlsdorfer Bruch, das in einigen Fotos vorgestellt wurde. Angaben über die Veränderungen in den letzten Jahren wurden gemacht. Hier erfolgte die Wiederansiedlung von Euphydryas aurinia. Weitere Chancen bestehen in der Übernahme von Flächen durch Naturschutzverbände und Stiftungen, woraus sich eine bessere Steuermöglichkeit naturschutzfachlicher Belange ergibt. Bisher gab es einen krassen Widerspruch: Die Wiederansiedlung von Wirbeltieren wird weit verbreitet praktiziert, Wirbellose wurden bislang dagegen nicht berücksichtigt. Dabei gibt es sogar eine gesetzliche Pflicht zur Wiederansiedlung von Tieren in geeigneten Biotopen, die in Bundes- und Landesnaturschutzgesetzen verankert ist. Diese gilt natürlich auch für wirbellose Tiere!

Welche verschwundene Tagfalterarten sind nun aber geeignet? Darüber wurden intensive Untersuchungen anhand von Fragenvorgaben durchgeführt, was über die Arten bekannt ist, beispielsweise wurden die Biotopansprüche berücksichtigt und warum die Arten verschwanden. Wann gab es wie viele Nachweise? So zeigte eine Tabelle, dass im Ergebnis mesophile Wald- und Waldsaumarten ungeeignet für Wiederansiedlungsprojekte sind, wogegen hygrophile Offenlandbewohner gut geeignet sind. Verlorene Habitate letzterer Gruppe wurden in letzter Zeit vermehrt wieder hergestellt.

Die erste Art, die in einem ehemals besetzten Habitat wieder angesiedelt wurde, ist Euphydryas aurinia. Fünf Flächen, die im Bild gezeigt wurden, waren in der Vorauswahl. Den Ausschlag für ein Wiesenbiotop bei Erkner gab nicht zuletzt die Eigentumsform des Gebietes. 2005 wurden dort einige Falter angesiedelt, 2008 wurden ca. 1.000 Tiere gezählt. Die Wiederansiedlung war also sehr erfolgreich. Eine zweite Art ist Lycaena helle, die nur noch ein Vorkommen in Mecklenburg hatte, früher aber Charakterart vieler Feuchtbiotope auch in Brandenburg war. Im Briesetal nördlich Berlins wurde die Art in den vergangenen Jahren wieder erfolgreich etabliert. Auch für diese Art wurden die Biotopansprüche untersucht, weiterhin das Vorhandensein der Entwicklungspflanze. Bilder weiterer potenzieller Wiederansiedlungsflächen, z.B. bei Eberswalde, wurden gezeigt. Es folgten Informationen zum Puppenstadium der Art, das etwas abweichend von verwandten Arten ist: Puppen von L. helle finden sich bis zu 20 cm über dem Boden an Vegetation, was beim Zeitpunkt der Wiesenmahd zu berücksichtigen ist um die Entwicklung nicht unmöglich zu machen.

Die dritte aufgeführte Art war Minoys dryas. Ihr Rückgang in Mecklenburg-Vorpommern wurde dort nicht beachtet und so entschloss man sich, einige Exemplare zu Orten in Brandenburg zu bringen, an denen die Art früher vorkam. Geeignete Flächen im Eigentum des NABU, mesotrophe Pfeifengraswiesen wurden wieder hergerichtet, Gehölze entfernt und andere Pflegemaßnahmen, wie ein abschnittsweises Mähen, koordiniert. Zwei Pärchen wurden dem Mecklenburger Bestand entnommen, 2008 wurden sechs Tiere beobachtet, eine kleine Population, die Wiederansiedlung war aber auf jeden Fall erfolgreich.

Zuletzt wurde auf Punkte eines Ehrenkodex verwiesen, die man bei Wiederansiedlungen beachten sollte. So sollen nur Flächen ausgewählt werden, auf denen in den letzten 100 Jahren Populationen der jeweiligen Art vorkamen. Es sollten nur Tiere aus NO-Deutschland, aus W-Polen oder den östlichen Niederlanden wieder angesiedelt werden, die dem örtlichen Gen-Pool am ehesten entsprechen. Genetische Untersuchungen sind hierzu stets notwendig! Die Entnahme der Tiere aus den Ursprungspopulationen darf nur in Abstimmung mit den regionalen Gebietsbetreuern und Behörden vollzogen werden. Die Wiederansiedlung soll nur auf geeigneten Flächen geschehen, die im Eigentum des Naturschutzes sind. Zuletzt ist ein regelmäßiges Monitoring durch vom LFA Entomologie gewonnene und unterstützte Projektbetreuer unbedingt notwendig. Alle Daten werden in einer zentralen Datenbank erfasst.

Zum Abschluss stellte Dr. Kretschmer seine Vision der Zukunft vor: Der Aussterbeprozess wird gestoppt und durch Wiederansiedlungsprojekte für geeignete Arten umgekehrt. 2010 gibt es stabile Populationen ehemals ausgestorbener Arten in Brandenburg.

Matthias Hartung ergänzte zum Ehrenkodex, dass keine Wiederansiedlung von Arten erfolgen sollte, die durch Klimaänderung, also durch natürliche Ursachen, verschwinden. Nur bei Vorliegen anthropogener Gründe sollen Wiederansiedlungsmaßnahmen stattfinden.

Michael Woelky machte noch Ausführungen zu alten Fundorten der angesprochenen Arten. Sie alle waren in der Vergangenheit weiter verbreitet, auch in der Berliner Umgebung.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20.30 Uhr. Das gesellige Beisammensein fand anschließend in der nahe liegenden Gastronomie statt .

Uwe Heinig (Schriftführer FG)