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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 10.05.2011

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend (+ Doppelmitgliedschaft): 6 (+ 4) Mitglieder FG, 8 (+ 4) Mitglieder ORION, 4 Gäste

Thema: Untersuchungsergebnisse der Arthropodenfauna ausgewählter Torfmoos- und Kalk-Zwischenmoore Brandenburgs.


Thomas Ziska eröffnete den Abend und begrüßte besonders den Vortragenden, Prof. Dieter Barndt.

Dieser begann mit einem kleinen Rückblick: 1952 besuchte er erstmals die Käferabteilung des Naturkundemuseums, daraus ergab sich sein Interesse an den Käfern einerseits und an Mooren andererseits. Seither war Prof. Barndt ein regelmäßiger Gast im Naturkundemuseum.

Der Titel des Vortrages wurde geringfügig geändert und lautete nun: „Zur Arthropodenfauna ausgewählter oligo- und mesotropher Verlandungs- und Kesselmoore in Berlin und Brandenburg". Karten zeigten Europa zur Zeit der Eiszeit vor etwa 18.000 Jahren, Fotos Landschaften Skandinaviens und der Alpenregion unmittelbar nach Zurückweichen der Eisbedeckung. In solchen Biotopen wurden u.a. der nur 2,5 mm große Gletscherfloh, Isotoma sultans sowie die Alpen-Schneemücke, Chionea alpina gesucht und gefunden und hier als erste Insekten vorgestellt. Es folgten Beispiele für die Verbreitung Kälte liebender Laufkäfer-Arten in Moor-Gebieten nach dem Verschwinden des Eises und die Frage, ob solche Arten z.B. auch im Schlaubetal mit seinen kleinen Quellmooren vorkommen. Die Schneemücke, Chionea lutescens wurde dort nachgewiesen.

Brandenburg ist das drittreichste Bundesland die Moorfläche betreffend, 220.000 ha (8 %) der Fläche sind Moore. Die verschiedenen Moortypen und die im Gebiet untersuchten Moore wurden vorgestellt und auf das Problem der Beeinflussung durch menschliches Wasser-Managment hingewiesen, das oftmals zu Wassermangel führt.

Konkret besprochen und auf Karten sowie Fotos gezeigt wurde als erstes das Wald-/Kesselmoor „Kleiner Milasee" bei Kehrig. Hier fehlen derzeit etwa 1 ½ m Wasser und das Gebiet ist sehr von Verlandung gefährdet. Häufig zu finden sind Sonnentau-Arten und die Maulwurfsgrille. Eine Liste mit Laufkäfer-Arten verschiedener Teilflächen wurde gezeigt und auf die Besonderheiten eingegangen. Zum Vergleich wurde die Entwicklung des NSG Barssee herangezogen, wo der Spiegel des Sees von 32 m im Jahr 1891 auf 27 m 1984 fiel, was zu Grundwasser-Defizit und Schlamm-Oberfläche führte. Das Moor des Milasees ist eine sehr wertvolle Landschaft, man findet hier u.a. die sehr interessante tyrphobionte Kurzflüglerart Platydracus fulvipes und die Östliche Moosjungfer, eine Libellenart die in den Roten Listen Berlins, Brandenburgs und Deutschlands in die Kategorieen 0, 2 bzw. 1 eingestuft ist und im Anhang IV der FFH-Richtlinie verzeichnet ist.

Es folgte die Besprechung eines Waldmoores bei Halbe mit einer Torf-Mächtigkeit bis zu 15 m. Ein sehr schönes Gebiet mit Kälte-Klima. Im Juli können Nachtfröste auftreten, tagsüber steigt die Temperatur auf bis zu 40°C, nachts fällt sie auf 2 bis -2°C. Neu für Brandenburg wurde in diesem Moor die 3 mm große Moor-Uferwanze gefunden, deren Hauptverbreitungsgebiet Nord-Europa ist.

Ein ebenso wertvolles Gebiet ist das Kalk-Zwischenmoor am Pätzer Hintersee, das schon über 30 Jahre ehrenamtlich durch Herrn Klaeber gepflegt wird. Ohne sein Engagement wäre das Moor nicht in dem guten Zustand, den es heute zeigt. Besonders erwähnenswert ist hier der Laufkäfer Pterostichus aterrimus, RL BR 2, ebenso RL BE und RL D. 2007 wurden hier mehr Individuuen nachgewiesen, als zuvor in ganz Brandenburg bekannt wurden. Ebenso interessant ist das Vorkommen des Wasserschlauchs, einer Insektenfalle, deren Funktion der Vortragende erklärte. Monophag und submers entwickelt sich an dieser Pflanze der Blattkäfer Longitarsus nigerrimus, der zahlreich in den Bodenfallen zu finden war. Er wird in der RL BR in Kategorie 0 geführt, RL D 3, BE kein Vorkommen. An Teich-Schachtelhalm, einer der vielen außerordentlichen Pflanzenarten des Gebietes, lebt der Rüsselkäfer Bagous lutulentus, eine ebenfalls sehr seltene Art. 19 Kurzflügler-Arten, viele von ihnen stenotop-tyrphobiont, wurden nachgewiesen.

Weitere Sauer-Zwischenmoore sind das NSG „Kobbelke" und der „Butzener Bagen" bei Lieberose. Listen der nachgewiesenen Laufkäfer- und Kurzflüglerarten wurden vorgestellt. Unter den tyrphobionten Laufkaferarten waren u.a. Agonum ericeti und Agonum munsteri, deren Verbreitungskarten dargestellt wurden. Aufgeführt wurden außerdem die neun tyrphobionten und sechs tyrphophilen Kurzflüglerarten. Carabus arvensis, der besonders besprochen wurde, findet man in Berlin-Brandenburg vorwiegend in mesophilen Laubwäldern, während der Moor-Untersuchung wurden ca. 400 Individuen in ganz Brandenburg nachgewiesen, darunter 20 % auf Sauer-Moorflächen.

Carabus granulatus, einer unserer bekanntesten Groß-Laufkäfer, findet sich dagenen nur in basischen Zwischenmooren und meidet saure Bitope total.

Eine weitere zur Einschätzung der Qualität von Mooren bedeutsame Arthropoden-Gruppe kam hinzu, die Webspinnen. 54 Arten in 1675 Exemplaren wurden im NSG „Kobbelke" nachgewiesen. 10 Arten sind als tyrphobiont einzuordnen. Besonders eindrucksvoll ist die Jagdspinne Dolomedes plantarius, deren Männchen 15 mm und die Weibchen 25 mm groß werden können. Sie ist nicht nur eine imposante Spinne, sondern auch in ihrem Vorkommen gefährdet. Die RL BR führt sie in Kategorie 1, RL BE 0, RL D 1. Außerdem steht sie unter Artenschutz.

Ein Beispiel für ein Problem-Moor ist der „Butzener Bagen". Das Wasser ist hier zurückgegangen, der Erlenbruchwald ist trocken und es gibt nur kleinere Moor-Reste.

Das Fazit von Prof. Barndt zeigte zusammenfassend die Bedeutung von Laufkäfern, Kurzflüglern und Webspinnen für die Einschätzung der Qualität von Mooren auf. Leider werden Insekten viel zu selten herangezogen, da in den Naturschutzbehörden entomologisch qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Viele der gesammelten Daten verschwinden abgeheftet in Ordnern in den Akten und werden aller Voraussicht nach auch nicht wieder herausgeholt. Der Vortragende beendet nun nach 15 Jahren intensiver Tätigkeit nicht nur in Mooren in Brandenburg seine Untersuchungen. Ein Mammut-Unterfangen, an dem außer ihm besonders seine Frau und noch viele weitere Entomologen mitwirkten, geht somit zu Ende. Veröffentlicht wurden und werden die Ergebnisse in den „Märkischen Entomologischen Nachrichten".

Nach dem wie immer hochinteressanten Barndt-Vortrag gab es wenige Fragen und Anmerkungen:

Jens Esser ergänzte, dass Platydracus fulvipes in Süddeutschland eine völlig andere Lebensweise zeigt. Dort findet man die Art auf trockenen Mineralböden oder Weinbergen. Stephan Gottwald fragte, warum carnivore Laufkäfer so spezialisiert in sauren- bzw. basischen Biotopen zu finden sind? Erklärbar ist das eigentlich nur mit der verschiedenen Verträglichkeit der Bedingungen für Eier oder Larven. Sven Marotzke fragte warum so wenige Blattkäfer während der Untersuchungen nachgewiesen wurden? In 15 Jahren wurden 180 Teilflächen untersucht. Um vergleichbare Ergebnisse zu erhalten kamen fast nur Bodenfallen zum Einsatz, eine Methode, die wenige Blattkäfer-Funde ergibt. Hand-Aufsammlungen fanden nur partiell statt.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 21:00 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)