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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 14.02.2012

Vorsitzender: Thomas Ziska

Beginn der Sitzung: 19 Uhr

Anwesend (+ Doppelmitgliedschaft): 5 (+2) Mitglieder FG, 12 (+2) Mitglieder Orion, 5 Gäste.


Zu Beginn des Treffens wurde Jürgen Gienskey für seine nun schon 50 Jahre währende Vereinsmitgliedschaft im Orion gedankt. 39 Jahre übernahm er die Funktion des Kassenwarts. Jens Esser und Michael Woelky überreichten ihm zum Dank einen kleinen Präsentkorb.

Im Anschluss verlass Thomas Ziska das Protokoll der letzten Sitzung.

Der Vortrag „Zikaden in Kunst und Mythologie" wurde von Dr. Roland Mühlethaler gehalten. Weltweit sind 42 000 Arten beschrieben worden. Wegen der Lauterzeugung sind diese Insekten vielfach sehr auffällig, weshalb jedoch meist die Singzikaden im Vordergrund stehen. Die mit den seitlich liegenden Trommelorganen erzeugten Signale dienen der Geschlechterfindung. Der Ton wird nach dem „Dosendeckel-Prinzip" erzeugt. Dabei wird die Schallplatte durch Muskelkontraktionen in Schwingungen von 900-25000 Hz versetzt. Die erzielte Lautstärke kann unglaubliche 120 dB erreichen. Im Anschluss wurden die Signale von Lyristes plebejus (SCOPOLI, 1763), Tympanistalna gastrica (Stal) und Cicada orni (L.) vorgespielt. Weiterhin wurden Photos von tropischen Sing- und Buckelzikaden vorgestellt. Herr Dr. Roland Mühlethaler befasst sich in seiner Tätigkeit aber eher mit kleinen Zikaden wie der Oncopsis flavicollis (L.). Die Geräusche von diesen Zikaden können vom Menschen nur mit technischen Hilfsmitteln aufgezeichnet werden. So konnten in Europa 3 Typen von Signalen nachgewiesen werden. Es ist noch zu klären ob es sich dabei um unterschiedliche Arten handelt.

Nach der kurzen Einleitung wurde auf die Bedeutung der Zikaden für die Menschen im Mittelmeerraum eingegangen. Hier, wie überall auf der Welt, gilt die Zikade wohl aufgrund ihres Lebenszyklus als Symbol für ein langes Leben, der Wiederauferstehung und des Gesangs. Erste plastische Darstellungen liegen aus prähistorischer Zeit vor. Im zweiten Jahrtausend v. Chr. wurden in Mykene erste Grabbeigaben in Form von Zikaden beigelegt. Eine Erwähnung fanden die Zikaden ebenfalls in der „Illias" von Homer (800 v. Chr.) und im Werk „Phaidros" von Platon.

Die Zikade war in der Literatur auch Teil vieler Fabeln z.B. von Äsop: „Die Zikade und die Ameise" und von Jean de la Fontaine (1668) in Versform als „La Cigale et la Fourmi".

In China wurden Bronzegefässe seit der Zeit um 1500 v. Chr. gefertigt und seit der Han-Dynastie (ca. 210 v. Chr.) sind Zungenzikaden bekannt.

In Japan ist die Zikade ein Symbol der Menschlichkeit und steht dort in Verbindung mit dem Obon-Fest (Buddhistisches Allerseelen- bzw. Totenfest). Zikadenskulpturen sind auch Teil der Netsuke. Ein Säckchen das an einem Strick um den Gürtel gelegt wird. Als Gegengewicht dienten unter anderem Zikadenskulpturen. Natürlich dient die Zikade auch in der Kunst des Origami als Vorlage.

In der Neuen Welt war schon den Ureinwohnern das periodische Wiederkehren der Singzikaden bekannt. Die Oraibi-Indianer deuteten den Lebenszyklus der Zikaden als Wiederauferstehung und sprachen den Zikaden die Kraft der Unsterblichkeit zu (Kachina).

Auch in jüngerer Zeit inspirierten die Zikaden Dichter und Musiker z. B. Mark Nickels, Dichter aus Michigan dessen erstes Werk den Titel „Cicada" trägt oder die Musikgruppe „The Cicadas".

In Papua Neuguinea haben die dort lebenden Tabra Sine anhand der singenden Zikaden eine Art Zikadenuhr entwickelt. Dabei nutzen sie ein binominales Benennungssystem wobei Dui für Zikade steht und ein Zusatz die Zeit angibt. Dieses System dürfte damit älter als das von Linné sein.

Dem berühmten Insektenforscher Jean-Henri Fabre waren die Zikaden sicher auch nicht nur als Symbol für die Provence bekannt, sondern er beobachtete sie sicher auch gelegentlich.

Am Ende wurden noch einige Beispiele von Zikaden in Kunst, Musik, Architektur und Werbung gezeigt.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:00 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Thomas Wolsch