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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 11.06.2013

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend: 10 Mitglieder FG, 10 Mitglieder ORION (+ 3 Doppelmitgliedschaft), 8 Gäste

Thema: Fortschritte bei der Wiederansiedlung von Tagfaltern in Brandenburg.


Thomas Ziska begrüßte die Anwesenden, besonders den Vortragenden, Dr. Hartmut Kretschmer. Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 14.05. durch Matthias Hartung.

Den Vortrag begann Dr. Kretschmer mit der Bemerkung, dass seine Tätigkeiten mit den Faltern sowohl Hobby, als auch Beruf darstellen. Als Mitglied z.B. des NABU beschäftigt er sich ehrenamtlich mit den Wiederansiedlungsprojekten, als Verantwortlicher für die Großschutzgebiete Brandenburgs ist er für die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben verantwortlich, die die Thematik ebenfalls berühren.

Die Ausgangsposition war vor Jahren, dass in Brandenburg einige Tagfalterarten ausstarben, verbliebene Inselpopulationen aktuell hoch bedroht sind. Gründe wurden genannt und einige betroffene Arten, u.a. Bläulinge, auf Bildern gezeigt. Chancen für erfolgreiche Wiederansiedlungen ergaben sich u.a. aus Biotopverbesserung und Wiedervernässung von Mooren und Feuchtwiesen. Zudem spielt der Flächenkauf durch Naturschutz-Verbände und Stiftungen eine große Rolle. Inzwischen befinden sich 3% der Landesfläche Brandenburgs im Besitz solcher Verbände bzw. Stiftungen, ein Spitzenwert in Deutschland. Das Gesetz schreibt vor, Wiederansiedlungsversuche ausgestorbener Arten in geeigneten Biotopen zu unternehmen, bei Säugetieren und Vögeln oft realisiert, Insekten sind hier aber stark unterrepräsentiert.

Als infrage kommende Arten mesophiler Wald- und Waldsaumbiotope wurden 10 Tagfalterarten auf ihre Eignung zur Wiederansiedlung untersucht. Vier sind geeignet: Boloria euphrosyne, Erebia aethiops, Erebia medusa und Haemaris lucina. Gründe für die Auswahl wurden genannt. Unter den hygrophilen Offenlandbewohnern waren ebenfalls 10 Arten in der Auswahl, von denen neun als geeignet eingestuft wurden, darunter die bekannten Euphydryas aurinia, Lycaena helle und Lycaena hippothoe.

Erste Erfolge können bei Euphydryas aurinia (Goldener Scheckenfalter) verzeichnet werden, einer Art, die überall in Deutschland rückläufig ist. Im Ruhlsdorfer Bruch wurde der Lebensraum wieder hergestellt. Fotos zeigten die Wiesen vor acht Jahren und Stadien bis heute. Jetzt hat man dort 10-30% Deckung durch Succisa pratensis, der Entwicklungspflanze der Art. Auch gibt es viele Orchideenarten, ein Zeichen für die Qualität des Biotops. Die Statistik zu aurinia nach sieben Jahren Wiederansiedlungs-Versuchen zeigt zwei fest etablierte Populationen, drei Populationen auf niedrigem, aber stabilen Niveau und zwei erfolglose Versuche. Die Ursprungspopulation der Falter in Mecklenburg-Vorpommern ist infolge Biotopzerstörung (durch nicht abgestimmte Naturschutzmaßnahmen!) inzwischen übrigens nahezu erloschen. Eine Karte zeigte die Verbreitung der Art in Brandenburg, Stand 2013. Von Maculinea teleius (Heller Wiesenknopf-Ameisenbläuling) wurden zwei Männchen und drei Weibchen ausgesetzt. Nach sechs Jahren gibt es bei Strausberg eine stabile Population.

Anders sieht es bei Lycaena helle (Blauschillernder Feuerfalter) aus. Die FFH-Art hat in Deutschland nur noch Restvorkommen. Eine Karte zeigte die historische und aktuelle Verbreitung, Fotos den typischen Biotop. Nach vier Jahren kann resümiert werden, dass auf einer Fläche Falter wieder angesiedelt wurden, es mit Raupen keinen Erfolg gab und eine für längere Zeiten erfolgreiche Wiederansiedlung insgesamt noch fraglich ist. Gleiches gilt für Minoys dryas (Blaukernauge). Ein kompliziertes Flächenmanagement bezüglich des Mahdregimes erschwert die Wiederansiedlung. Nach einer Testphase von fünf Jahren, in der nur 4 Pärchen ausgesetzt wurden, erscheint der Erfolg sehr unsicher.

Für die Zukunftsplanung stehen für Wiederansiedlungsversuche weitere Arten bereit. Boloria eunomia, der Rundring-Perlmutterfalter könnte in renaturierte Kalkquellmoore zurückkehren, Boloria aquilonaris, der Hochmoor-Perlmutterfalter könnte nach Renaturierung in 2-3 Mooren neu (wieder) etabliert werden, Euphydryas maturna, der Eschen-Scheckenfalter könnte aufgrund hoffnungsvoller Waldentwicklung im NP Unteres Odertal wieder heimisch werden, bei Erebia medusa, dem Rundaugen-Mohrenfalter findet eine Zunahme im Nordosten Sachsen-Anhalts statt, wodurch es zur Wiederbesiedlung Brandenburgs kommen könnte; und für Melitaea didyma, den Roten Scheckenfalter, könnte es ebenfalls Wiederansiedlungsversuche in Brandenburg geben.

Dr. Kretschmer wies noch auf den Ehrenkodex bezüglich der Wiederansiedlungs-Problematik hin, der u.a. besagt, dass nur Arten, die in den letzten 100 Jahren im Gebiet heimisch waren und aus genetisch identischen Populationen stammen, auf dafür geeigneten Flächen, möglichst im Besitz von Naturschutzverbänden bzw. Stiftungen, wieder angesiedelt werden sollen. Intensive Projektbetreuung, Monitoring und Datenerfassung sind Pflicht.

Zuletzt dankte der Vortragende den Mitwirkenden am Zustandekommen des Vortrags durch Datenlieferung bzw. Fotos und warb um Mitarbeit bei Wiederansiedlungsprojekten. Außerdem warnte er eindringlich vor der Entnahme von Faltern aus den aktuellen Projekten, wofür es leider Anzeichen gibt.

Nach dem interessanten Vortrag beantwortete Dr. Kretschmer noch Fragen von Thomas Ziska, Prof. Klaus-Werner Wenzel, beide zur Wiesenmahd sowie Sebastian Sczepanski, Dr. Oliver Schmitz und Stephan Gottwald.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:15 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)