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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 10.12.2013

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend: 6 Mitglieder FG, 11 Mitglieder ORION (+ 4 Doppelmitgliedschaft), 6 Gäste

Thema: Wanzen und Menschen.


Thomas Ziska begrüßte die Anwesenden, besonders den Vortragenden Dr. Jürgen Deckert, Kustos der Wanzenabteilung des Naturkundemuseums. Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 12.11. durch Uwe Heinig.

Dr. Deckert bemerkte einleitend, dass die Thematik „Wanzen" so umfangreich sei, dass man eine lange Nacht der Wanzen daraus machen könnte, er sich aber heute auf ca. 1 Stunde beschränken wird. Wanzen auf Abbildungen, z.B. Briefmarken wurden gezeigt und auf die vielfältigen Kontaktpunkte zwischen Wanzen und Menschen hingewiesen. Nicht einbezogen in seinen Vortrag hatte Dr. Deckert die „elektronische" Wanze, besprochen wurden nur solche Arten, die in irgendeiner Weise merkbar mit Menschen in Kontakt kommen. Deutschlandweit, aber auch in der Welt, beschäftigen sich nur relativ wenige Spezialisten mit der Ordnung Wanzen, nicht vergleichbar mit Schmetterlingen oder Käfern.

Die Bettwanze, der Vertreter der Ordnung, dem diese ihren schlechten Ruf verdankt, ist Kulturfolger und Kosmopolit, kommt seit ca. 10.000 Jahren bei Menschen vor. Zuvor lebte sie an Wirbeltieren. Es war wohl einfacher für sie die größtenteils unbehaarten Menschen als Nahrungsquelle zu nutzen, als die haarigen Wirbeltiere.

Die Geschichte der Wanzenforschung geht weit zurück, schon Theophrast Bombast von Hohenheim (1493-1541), ein Arzt und Naturforscher berichtete über Wanzen als Plage der Menschheit und schuf ein Skorpions-Amulett gegen Wanzen. Die Wirkung war sicher enttäuschend. John Southall verfasste 1730 eine wissenschaftliche Schrift über Wanzen, weitere Etappen und Publikationen wurden genannt bis zu H. J. Hoffmanns „Ernstes und Kurioses über Wanzen" von 2006. Irrtümer und Wahrheiten über Bettwanzen aus der Literatur wurden präsentiert.

Der Vortragende ging nun ausführlicher auf die Bettwanze ein, bemerkte, dass sie kein Krankheitsüberträger ist und zeigte Fotos von Bettwanzenstichen, so genannten Wanzenstraßen, an Menschen. Die Bettwanze befindet sich seit etwa 1990 stark auf dem Vormarsch, vorher war sie gebietsweise fast völlig verschwunden. Erschreckende Fotos von Wanzenbefällen folgten, in New York wurden z.B. pro Jahr 11.000 Fälle gemeldet. Hierzulande besteht keine Meldepflicht und wer Bettwanzen zu Hause hat, gibt das sicher auch nicht gerne zu. Ursachen der Ausbreitung sind u.a. die vermehrte Reisetätigkeit, der Handel mit Gebrauchtwaren, auch Betten und Polstermöbeln und die Resistenz gegen Gifte. Wo leben Bettwanzen? Wie erfolgt ihre Entwicklung? Fragen, die Dr. Deckert nun klärte. In menschlichen Behausungen finden die Tiere perfekte Bedingungen.

Ein kurzer Film zeigte den Weg einer Bettwanze vom Aufspüren des Menschen bis zum Stich bzw. Saugen. Alte Werbezettel für Bekämpfungsmittel wurden gezeigt, eher umstritten, besser ist heißer Dampf oder sehr kaltes Klima.

Ähnlich aussehende Wanzenarten findet man z.B. bei Fledermäusen. Wenige Wanzenarten saugen Blut von Menschen, Rhodnius prolixus, eine Raubwanze, die in Südamerika lebt, ist eine solche Art. Sie überträgt zudem gefährliche Krankheiten und Parasiten. Durch Reisetätigkeit ist sie inzwischen weiter verbreitet. Todesfälle gibt es bisher aber nur in Südamerika.

Einige interessante Aspekte zum Thema Wanze und Mensch folgten. So werden Wanzen als Laborassistenten beim Blut abnehmen eingesetzt, 92 Wanzenarten werden gegessen, Fotos aus Südafrika zeigten Sammeln und Zubereitung und es wird behauptet, dass sie besser schmecken, als die ebenfalls dort zur Nahrung gehörenden Raupen des Mopane-Falters. In Asien werden Riesenwasserwanzen geröstet, entsprechende Gerichte wurden vorgestellt. Wanzen treten auch als Nahrungskonkur-renten des Menschen auf, schädigen z.B. Reis- und Baumwollernten. Bei uns wird die Kohlwanze bedingt schädlich, ebenso die Kiefernrindenwanze an Jungkulturen. Wanzen verfügen über 1000de Wirkstoffe. Pflanzen, auch Nutzpflanzen, produzieren Abwehrstoffe, die z.T. Aromen ergeben, die uns schmecken, Beispiele gibt es aus dem Obstbau. Wanzen treten positiv als Blütenbestäuber auf, lästig dagegen etwa, wenn sie in großer Zahl zur Überwinterung menschliche Behausungen aufsuchen, Beispiel Ulmenwanze. Weitere Arten, z.B. Beerenwanze, Birkenwanze, Kiefernzapfenwanze und Feuerwanze stehen in verschiedenen Beziehungen zu Menschen.

Wanzen können auch als Bio-Indikatoren dienen, das Vorkommen bestimmter Wasserwanzen lässt auf die Qualtität der jeweiligen Gewässer schließen.

Zum Abschluss des sehr interessanten, oft zum Schmunzeln anregenden Vortrags beantwortete Dr. Deckert Fragen u.a. von Prof. Wenzel, Dr. Mey, Stephan Gottwald und Jens Esser.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:15 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)