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P R O T O K O L L der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 09.09.2014

Vorsitzender: Thomas Ziska

Anwesend: 10 Mitglieder FG, 13 Mitglieder ORION (davon 3 x Doppelmitgliedschaft), 5 Gäste

Thema: Stechmückenforschung in Deutschland - Stand der Forschung und Phänomen der invasiven Arten


Thomas Ziska eröffnete den Abend und begrüßte die Anwesenden, besonders die Vortragende, Dr. Doreen Werner. Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 10.06. durch Uwe Heinig.

Die Vortragende stellte sich einleitend vor und berichtete, wie sie zu den Mücken kam. In Berlin studierte sie Biologie, arbeitete u.a. am Naturkundemuseum. Über Kriebelmücken und Gnitzen kam sie dazu jetzt alle Stechmücken zu bearbeiten, von denen es etwa 50 Arten in vier Familien bei uns gibt. Es gibt wenige Mückenforscher in Deutschland, Dr. Werner beschäftigt sich seit 25 Jahren mit den blutsaugenden Mücken.

Erster Gedanke beim Thema Mücken ist Malaria! Die Krankheit war ab dem 17.JH an den Küsten, an der Oder und im Rheinland verbreitet, seit dem 19.JH aber rückläufig. Ab den 1970er Jahren gilt Europa als frei von Malaria, Gründe sind u.a. Trockenlegungen, Medikamente, auch der Einsatz von DDT ab den 1930er Jahren. Die Überträger-Mücken sind noch vorhanden, die Erreger fehlen. Tropische Erreger passen nicht zu einheimischen Mücken. Es wird nie wieder Malaria-Epidemien bei uns geben, andere Erreger haben aber von Zeit zu Zeit eine aktuelle Brisanz: So brachen 2006 die Blauzungenkrankheit und 2010 die Schmallenbergkrankheit aus. Übertragen werden sie von Culicoides-Mücken, von denen sieben Arten bei uns heimisch sind.

Es folgte eine Übersicht verschiedener Fieber-Erkrankungen, wann sie ausgebrochen bzw. aufgetreten sind, z.B. Westnil- und Denguefieber. In den letzten Jahren steigt die Zahl der Infektionen, auch durch die weltweite Temperaturentwicklung. Eine weitere Übersicht zeigte eingeschleppte Mückenarten der Gattungen Aedes und Culex. Aus der Situation folgt: Es besteht die Notwendigkeit eines Stechmücken-Monitorings! Arterfassung und Speicherung in zentraler Datenbank waren erste Schritte, Zuarbeit zu Risikobewertung, Prävention, Bekämpfungsstrategien und Notfallplänen folgten. 126 Standorte verschiedener Charakteristika, verteilt über Deutschland wurden und werden regelmäßig mit Fallen untersucht. Natürliche Biotope, urbane Lebensräume, wie auch spezielle Orte wie Zoo, Flughafen oder Autobahnraststelle sind einbezogen. Vorgestellt wurden die verschiedenen Fallentypen mit ihren Lockstoffen und die Funktionsweise. Zu den Fallenstandorten kamen 980 Orte, an denen flexibel Handaufsammlungen durchgeführt wurden.

Die Identifizierung und Archivierung der Stechmücken erfolgt in erster Linie in der Arbeitsgruppe der Vortragenden am ZALF in Müncheberg. Teilweise werden genetische Untersuchungen am FLI Riem durchgeführt. Alle Angaben werden seit 2011 in der deutschen Stechmücken-Datenbank erfasst. In Baden-Württemberg traten drei exotische Arten auf, u.a. die Tigermücke und die japanische Buschmücke, letztere mit hohem Potential als Viren-Überträger. Im Internet gibt es eine Seite der Arbeitsgruppe von Dr. Werner, die zur Mitarbeit aufruft, Anleitungen zum Einsenden der Mücken gibt. Es wurden keine allzu großen Hoffnungen darauf gesetzt, jedoch gab es 2012 bereits 50-60 Einsendungen täglich! Im gesamten Jahr wurden 2020 Mücken eingesandt, 2013 waren es 2421 Ex. und 2014 bisher 761 Ex. Die Sammlung der Ex. befindet sich in Müncheberg, die der DNA in Riem.

Auf den folgenden Übersichtskarten wurden Deutschland und Berlin-Brandenburg separat dargestellt. Durch den Mückenatlas wurden in Deutschland 43 Arten nachgewiesen, darunter drei neu für D, eine Art wurde neu erkannt, drei Arten waren zuvor jahrzehntelang nicht nachgewiesen worden. Die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Gattungen wurde dargestellt, u.a. kommen sieben Anopheles-Arten vor, fünf von ihnen können potentiell Malaria übertragen. Überraschungen gab es besonders bei den invasiven Arten. Die Ausbreitung speziell aus Asien geschieht über Baumärkte und Gartencenter, die „Lucky Bamboo" einführen und verkaufen. Extrem großes Einschleppungspotential haben Alt-Autoreifen, deren Weg Asien-Amerika-Europa verläuft, das Geschäft floriert.

Detaillierte Beispiele für Einzelfunde zeigten das Potential von Friedhöfen und Privat-Gärten. Zuletzt wurde darüber informiert, dass in Stechmücken Filarien gefunden wurden und die Frage aufgeworfen, ob heimische Arten verdrängt werden könnten. Dafür gibt es bisher keine Anzeichen. Ein Mückenstich kann evtl. Erreger verbreiten. Sollte ein unnormaler Verlauf vorliegen, ist das ernst zu nehmen und das Aufsuchen eines Arztes empfohlen.

Das Resümee: Weiteres Mückenmonitoring ist wichtig! Und: Jede Mücke, die eingeschickt wird, zählt!

Nach dem interessanten, zuletzt nachdenklich stimmenden Vortrag beantwortete Dr. Werner Fragen u.a. von Bernd Krüger, Matthias Hartung, Klaus Dörband und Thomas Ziska.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:45 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)