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P R O T O K O L L
der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 10.02.2015

Vorsitzender: Jens Esser

Anwesend: 11 Mitglieder FG, 18 Mitglieder ORION (davon 4 x Doppelmitgliedschaft), 5 Gäste

Thema: Ökologie und Biogeographie des Goldenen Scheckenfalters Euphydryas aurinia


Jens Esser eröffnete den Abend und begrüßte die Anwesenden, besonders den Vortragenden, Prof. Thomas Schmitt, seit einiger Zeit Direktor des SDEI in Müncheberg. Es folgte die Verlesung des Protokolls vom 13.01. durch Uwe Heinig.

Der Vortrag begann mit Fotos verschiedener Farbvarianten des Goldenen Scheckenfalters aus einigen Regionen Mitteleuropas, die eine große morphologische Vielfalt zeigten und verschiedenen Subspezies zugeordnet werden. Gleich im Anschluss stellte der Vortragende fest, dass die Art seit etwa 1950 starke Gebietsverluste erleidet, wie insgesamt bei den Tagfaltern Artenverluste in bestimmten Regionen zu verzeichnen sind. Grund dafür ist u.a. der Rückgang der Entwicklungspflanzen der betroffenen Arten. Biotope, trockene oder feuchte Magerrasen und Entwicklungspflanzen wurden im Foto vorgestellt.

Mittels Fang-Markierung-Wiederfang-Studien wurden Untersuchungen zur Populationsökologie durchgeführt. An der Algarve in Portugal wurden so im Zeitraum 14.04.-18.05.2007 an 21 Tagen 2568 Falter markiert. 735 von ihnen wurden wieder gefangen. In den Hohen Tauern Österreichs erstreckte sich der Untersuchungszeitraum vom 21.06.-17.07.2007. An 12 Tagen wurden 703 Falter markiert, von denen 74 wieder gefangen wurden. Hier entwickelt sich die Art an Enzian. Im Rumänischen Cluj Napoca, wo die Art auf Feuchtwiesen fliegt, wurden vom 18.05.-15.06.2008 an 18 Tagen 1291 Falter markiert, 396 Wiederfänge wurden getätigt. Aus den Zahlen lassen sich statistische Tagespopulationsgrößen errechnen, die dicht oder weniger dicht sind. Die Untersuchungen in Österreich wurden durch z.T. widrige Witterung, teils bis zu 30 cm Schnee im Juli, behindert. Daher auch die geringeren Nachweiszahlen. In Portugal und Rumänien wurde Proderandrie festgestellt, nicht aber in Österreich. Gründe wurden genannt.

Bei Fang/Wiederfang wurde mit GPS gearbeitet, so dass die Stellen sehr genau zuordenbar sind. Wie weit bewegen sich die Falter? In Portugal sind sie „faul“, fliegen oft nur bis 20 m weit. Anders in Rumänien und Österreich, hier werden größere Entfernungen, auch mal 1-5 km zurück gelegt. Es folgten Ausführungen zur Bewegungsrichtung ab Erstfang und der Orientierung der Falter.

Eine verwandte Art ist in Portugal Euphydryas desfontainii. Im Vergleich zu E. aurinia wurden Unterschiede in Habitatanspruch und -nutzung, Fraßpflanzen, Tagespopulationsgrößen und Ausbreitungsverhalten dargestellt.

Von weiteren Gebirgsarten, Boloria pales und B. napaea wurden Verbreitungskarten gezeigt und das Verhalten der Arten besprochen. Unterschiede in Bewegung, Blütenbesuch und Populationsgrößen wurden festgestellt, Proderandrie bei pales, nicht aber bei napaea. Erstere kann als „richtiger“ Gebirgsfalter eingestuft werden, napaea eher nicht.

Es folgten abschließend Ausführungen zur Populationsgenetik von E. aurinia: In Europa unterscheidet man 10 genetische Linien. Varianz zwischen und innerhalb der Gruppen, die größten sind u.a. auf der Iberischen Halbinsel, in W-Mitteleuropa und O-Europa bis Schweden angesiedelt, wurde besprochen. Es gibt Konflikte zur morphologischen Einteilung der Arten und Unterarten. Über glaziale Refugien und postglaziale Ausbreitung wurde informiert.

Fazit: aurinia ist eine Art, trotz der deutlichen genetischen Differenzen.

Ein Literaturhinweis zum Thema beendete den sehr interessanten Vortrag.

Es folgten Fragen von Michael Woelky und Jens Esser zum Zeitraum Fang-Wiederfang und weitere von Hartmut Kretschmer, Klaus Dörbandt, Stephan Gottwald und Oliver Schmitz u.a. zu den Bewegungsmustern und zur Lebenszeit der Falter. Alle wurden von Prof. Schmitt beantwortet.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:30 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig