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P R O T O K O L L
der gemeinsamen Versammlung von FG Entomologie Berlin und ORION im Naturkundemuseum vom 08.09.2015

Vorsitzender: Jens Esser
Anwesend: 9 Mitglieder FG, 14 Mitglieder ORION (davon 2 x Doppelmitgliedschaft), 10 Gäste
Thema: Insekten der immergrünen Bergwälder Äthiopiens – die Kafa-Expedition.


Jens Esser begrüßte die Anwesenden zum ersten Treffen nach der Sommerpause und wies auf aus-liegende Programme zur Tagung im Oktober hin.

Matthias Schöller bereiste im Dezember 2014 zwei Wochen im Rahmen einer vom NABU organisierten Expedition den Südwesten Äthiopiens. Dort liegen auf 760.000 ha Fläche Bergregenwälder, wilde Kaffeebäume, Bambuswälder und Feuchtgebiete. Auf Karten wurde die Lage Äthiopiens im Osten Afrikas, das Land selbst und das bereiste Gebiet der Bergregenwälder vorgestellt. Der Hotspot der Biodiversität liegt in Höhen von 500 bis 3350 m. Der NABU Deutschland war Veranstalter, die Finanzierung erfolgte durch das BMUB, Hintergrund waren in erster Linie Klimaprojekte, der Vortragende erläuterte die Ziele. 29 Experten für Tier- und Pflanzengruppen, darunter 16 Deutsche wurden von 22 lokalen Rangern unterstützt. Es erfolgte ein reger Erfahrungsaustausch mit lokalen Wissenschaftlern.

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs informierte über das vom 14. Jahrhundert bis 1897 bestehende Königreich Kafa und die Ausweisung als UNESCO Biosphärenreservat im Jahr 2010.

Die Anreise erfolgte über Addis Abeba, die 460 km von dort gestalteten sich als Tagesreise. Standquartier war Bonga, das Camp wurde vorgestellt, es war recht komfortabel eingerichtet, bestand aus festen Häusern und einem Verpflegungszelt.

Die Bergregenwälder waren urig, die Strauchschicht wird seit 2002 als Kaffeeplantage genutzt. Hier lag der Hauptpunkt der Untersuchungen, weitere Biotope waren u.a. offene Bereiche an einem kleinen Fluss und Feuchtgebiete. Sammelmethoden waren Barberfallen, Flugfallen in den Baumkronen, eine Malaisfalle, Autokescherfahrten mit gigantischen Ausbeuten (viel Arbeit), Kescher, Klopfschirm und Sieb. Während der ersten Exkursionen wurde Konkurrenz beobachtet: Eine insektenfressende Brazza-Meerkatze. Das Projekt war die erste intensive Erfassung der Käfer in diesem Gebiet. Nach ersten Auswertungen wurden 400 Morphospezies nachgewiesen, 79 Familien/Unterfamilien. Beispielfotos zeigten Lyciden, Dytisciden, Platypodiden, verschiedene Laufkäfer und Kurzflügler. Von letzteren konnten 164 Arten identifiziert werden, 530 sind aus Äthiopien bekannt. Mindestens zwei der nachgewiesenen Arten sind neu für die Wissenschaft. Matthias Schöller interessiert sich besonders für Blattkäfer, also versuchte er, so viele Arten, wie möglich zu erbeuten. Auf Fotos wurden Arten der Ufam. Cassidinae und Galerucinae von Solanum gezeigt, eine Art ist neu für Afrika, andere weit verbreitet. Auf Polygonum wurden Exemplare der Gattung Altica gefangen.

Einen besonderen Lebensraum stellen die Bambuswälder dar. Dort leben bis heute Löwen! Die Stengel der Pflanzen erreichen teils große Durchmesser und bilden ein interessantes Mikrobiotop. In den Internodien bilden sich Phytotelmen, die reich an Leben sein können.

Das Schmetterlingsteam wies 123 Arten nach, wobei bisher nur ein Teil ausgewertet wurde. Die Bedingungen gerade beim Lichtfang waren wegen des Vollmondes ungünstig. Eine grobe Familienübersicht und einige Beispielfotos wurden gezeigt. 33 Arten Libellen aus sieben Familien wurden nachgewiesen, drei davon neu für Äthiopien, 12 Arten neu für das Biosphärenreservat. Große Waserskorpione, ein 4-mm-Thrips und weitere bemerkenswerte Insekten wurden vorgestellt.

Informationen über die Kaffeekultur, den Vorratsschutz, die Landwirtschaft und Imkerei in der Region folgten. Abschließend als Resümee wurde über Ergebnisse, Empfehlungen, soweit möglich Artenlisten, Indikatorarten, Hinweise zu einem permanenten Monitoring und das Naturschutzmanagment im Ganzen gesprochen, bevor einige Fragen der Anwesenden beantwortet wurden.


Der offizielle Teil des Abends endete gegen 20:15 Uhr. Der gesellige Teil fand in der nahe gelegenen Gastronomie statt.

Uwe Heinig (Schriftführer FG)